Interview: Mehr Geld für deutsche Gründer

Wirtschaftsthemen / 26.5.2010

Ein Gespräch mit Thomas Doppelberger, Leiter von Fraunhofer Venture, über den Rückgang der Venture-Capital-Investitionen in Deutschland, gründungswillige Wissenschafter und Lösungsansätze.

Bild: Mehr Geld für deutsche Gründer
© Foto Fraunhofer

Thomas Doppelberger, Leiter von Fraunhofer Venture

Herr Doppelberger, wie würden Sie die derzeitige Lage für High-Tech-Unternehmen in der Gründungsphase beschreiben?

Thomas Doppelberger: Die Lage ist schwieriger geworden. Die gesamte Finanzierungslandschaft hat sich stark verändert. In Deutschland ist der Einbruch besonders dramatisch. Laut Bundesverband Deutscher Kapitalgesellschaften BVK sind deutsche Venture Capital-Investitionen im Jahr 2009 um 70 Prozent zurückgegangen. Der Finanzierungsrückgang ist somit deutlich dramatischer als in den USA, wo das VC-Volumen vergangenes Jahr nur um etwa ein Drittel zurückging.

Wen trifft dieser Finanzierungsrückgang besonders?

Thomas Doppelberger: Besonders hart trifft es deutsche Unternehmen aus dem High-Tech und Cleantech-Bereich, die sich in der Frühphase befinden und Kapital benötigen. Das gesamte Startkapitel der deutschen VC-Geber betrug 2009 gerade einmal 8 Millionen Euro. Das bedeutet: die privatwirtschaftliche Finanzierung von Unternehmensgründungen ist in diesen Branchen nahezu zum Erliegen gekommen und sie haben derzeit kaum Chancen auf Venture Capital, da es schlicht nicht mehr vorhanden ist. Dabei sind gerade der High-Tech- und Cleantech-Bereich kapitalintensiv und damitbesonders abhängig von Drittmitteln.

Worauf führen Sie diese Entwicklungen zurück?

Thomas Doppelberger: Laut BVK sind die knappen Mittel der VC-Geber direkt auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zurückzuführen. Den Fonds gelang und gelingt es kaum noch, Investoren für ihre Arbeit zu finden. Doch auch in den Jahren zuvor scheuten sowohl deutsche als auch internationale Geldgeber eine Investition in deutsche Start-ups, insbesondere in der Frühphase. Dies lässt sich dadurch erklären, dass Seed-Finanzierungen mit besonders hohen Risiken verbunden sind und sich unterm Strich als wenig rentabel erweisen.

Weshalb entscheiden sich so wenige Investoren für den Standort Deutschland?

Thomas Doppelberger: In Deutschland finden Investoren eine deutlich kleinere Auswahl an potenziellen Projekten vor, wenn man etwa den Vergleich mit dem Silicon Valley in den USA zieht. Somit entscheiden sich die Geldgeber im Zweifelsfall gegen ein Frühphasen-Projekt hierzulande und investieren lieber global in zukunftsträchtige Unternehmenskonzepte.

Was muss sich ändern, damit der Standort Deutschland attraktiver wird?

Thomas Doppelberger: Nach wie vor gibt es zu wenig Akademiker, die basierend auf ihren Forschungsergebnissen und Erfindungen ein Unternehmen gründen. Nach abgeschlossener Projektphase veralten viele Patente im Archiv oder ihr Potenzial wird im Ausland verwertet. Hier müsste ein Wandel stattfinden. Natürlich sollte der Fokus stets ganz klar auf der wirtschaftlichen Verwertung des jeweiligen Projektes liegen. Nur wenn eine Umsetzung realistisch erscheint, sollten weitere Fördermittel ausbezahlt werden. So wäre es auch möglich, den Ausgründungsgedanken bereits in der Forschungsphase zu implementieren und zudem längerfristig die deutsche Gründermentalität zu verändern.

Wie schätzen Sie die Rolle der öffentlichen Geldgeber ein?

Thomas Doppelberger: In Folge der VC-Knappheit spielen für Gründer in der Seed-Phase natürlich öffentliche Geldgeber, wie etwa der High-Tech Gründerfonds, die entscheidende Rolle. Doch die Finanzspritzen je Gründung sind begrenzt. Gleichzeitig sind für viele Projekte die Anforderungen sehr hoch. Neben Eigenmitteln wird etwa im Bewerbungsverfahren bereits ein kompletter Business-Plan inklusive Exit-Strategie gefordert. Diese können viele Gründer jedoch oft noch nicht darstellen.

Wo gibt es Ihrer Meinung nach Lösungsansätze?

Thomas Doppelberger: Der Zugang zu den öffentlichen Geldern sollte vereinfacht werden. Denkbar wäre beispielsweise die Schaffung eines Experten-Gremiums, das rasch und unbürokratisch staatliche Mittel zur Verfügung stellt. Die Fraunhofer-Gesellschaft hat auf dieses Bedürfnis bereits im Rahmen ihrer Möglichkeiten reagiert. Bereits seit einigen Jahren unterhält sie erfolgreich das Programm »Fraunhofer fördert Existenzgründungen (FFE) «, das ausgründungswilligen Fraunhofer-Wissenschaftlern eine erste unkomplizierte Finanzierung für die Weiterentwicklung des Gründungsprojektes zur Verfügung stellt.

Wie würden Sie die Rolle von Fraunhofer Venture beschreiben?

Thomas Doppelberger: Fraunhofer Venture versucht, gründungswillige Wissenschaftler zu motivieren und begleitet sie auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Vielversprechende Projekte werden durch Investitionen unterstützt. Insgesamt sind wir bemüht, einen Mentalitätswandel herbeizuführen. Noch deutlich mehr junge Akademiker sollen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen – und wagen können.