weiter.vorn 2.2012

Fraunhofer-Gesellschaft

Abschied von der Petro-Chemie

In den vergangenen Wochen ist der Preis für Erdöl in Europa noch einmal kräftig gestiegen. Die politisch instabile Lage in einigen Lieferregionen, der schwache Euro, die Auswirkungen der Finanzkrise sowie der enorme Energiebedarf der Schwellenländer treiben die Kosten für warme Wohnungen, fürs Autofahren und den Transport von Gütern in die Höhe.

Unter den gestiegenen Preisen leidet auch die chemische Industrie. Denn noch nutzt sie vor allem Erdöl als Ausgangsstoff für ihre unzähligen Produkte wie Kunststoffe, Waschmittel, Kosmetika oder Medikamente. Doch die knappen fossilen Ressourcen zwingen auch hier zum Umdenken. Eine alternative Kohlenstoff-Quelle ist Biomasse. Wir brauchen einen Wandel weg von einer erdölbasierten hin zur biobasierten Wirtschaft. Dabei sollten wir vermeiden, Nahrungsmittel als Ausgangsstoff zu verwenden. Der Ausweg aus dem Tank-oder-Teller-Dilemma liegt in der Nutzung von biogenen Reststoffen aus der Forst- und Agrarwirtschaft und der Verwendung effizienter Biomassepflanzen, die nicht als Nahrung dienen.

Die »Industrielle Biotechnologie« steht vor dem Durchbruch: Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten an alternativen Ver-
fahren, um Basis- und Feinchemikalien, Biokunststoffe, Lebensmittelzusatzstoffe, Agrar- und Pharmamaterialien zu fertigen. Dabei geht es nicht nur um die Verwertung nachwachsender Ausgangsstoffe, sondern auch um den Ersatz konventioneller industrieller Verfahren durch biologische Prozesse. Die »Industrielle Biotechnologie« nutzt die Natur als chemische Fabrik. Herkömmliche chemische Produktionsprozesse werden durch den Einsatz von Mikroorganismen oder Enzymen ersetzt.

Bereits vor einigen Jahren haben sich acht Fraunhofer-Insti-tute zusammengeschlossen, um das Thema »Industrielle Biotechnologie – Die Natur als chemische Fabrik« voranzubringen und wichtige Grundlagen für die Nutzung nachwachsender Rohstoffe in der chemischen Industrie zu legen. Derzeit baut Fraunhofer gemeinsam mit anderen Forschungsinstituten und der Wirtschaft in Leuna das Zentrum für Chemisch-Biotechnologische Prozesse CBP auf. Damit wollen wir die Lücke zwischen Labor und industrieller Umsetzung schließen. In der Titelgeschichte erfahren Sie mehr dazu.

Der Übergang von einer Wirtschaft, die sich auf fossile Ressourcen stützt, hin zu einer auf nachwachsenden Rohstoffen aufbauenden Wirtschaft lohnt sich: Die EU-Kommission schätzt, dass Investitionen in Forschung, Innovationen und Kompetenzen in der Bioökonomie einen Mehrwert von 45 Milliarden Euro und 130 000 Jobs im Bioökonomiesektor bis 2025 in der Europäischen Union schaffen könnten. Auch die Bundesregierung erwartet von einer biobasierten Industrie neue Impulse für Wachstum und Beschäftigung. Mit der »Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030« will sie den Strukturwandel in Deutschland forcieren.

»Veränderungen begünstigen nur den, der darauf vorbereitet ist«, hat der französische Naturwissenschaftler Louis Pasteur einmal gesagt. Wenn die deutsche Wirtschaft auch künftig im globalen Wettbewerb bestehen will, müssen wir den Umstieg auf die Bioökonomie entschieden vorantreiben.