weiter.vorn 2.2012

Fraunhofer-Gesellschaft

Browsen ohne Hürden

Forscher des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnologie FIT entwickeln Tools, mit denen sich die Einhaltung von Webstandards überprüfen lässt. Erst allmählich erkennen Unter-nehmen die Vorteile des barrierefreien Internets.

Barrierefreiheit ist für Unternehmen in Deutsch-and bislang kein drängendes Thema – das bestätigte auch eine Testreihe, die das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnologie FIT in Birlinghoven im Jahr 2011 durchgeführt hat. Die Wissenschaftler des Web Compliance Centers prüften mit ihren Analyse-Tools die Internetangebote deutscher Dax-Unternehmen auf ihre »Web Compliance« – die Einhaltung internationaler Webstandards. Das Ergebnis: Neunzig Prozent der Webseiten wiesen erhebliche Mängel auf. Beispielsweise waren wichtige Informationen nur mühsam zu finden, die Webseiten hatten zu lange Ladezeiten oder wurden auf mobilen Geräten fehlerhaft dargestellt. »Web Compliance bedeutet nicht nur, Webseiten für die Nutzung durch behinderte und ältere Menschen zu optimieren«, sagt Dr. Carlos Velasco vom Web Compliance Center des FIT. »Auch Suchmaschinen wie Google haben mit fehlerhaften Seiten erhebliche Schwierigkeiten. Eine Folge davon kann sein, dass die Angebote nicht gefunden werden oder kein gutes Ranking bei Suchanfragen erzielen. Daher sollte das Thema eigentlich eine hohe Priorität genießen.«

Inzwischen erkennen immer mehr Firmen, dass Barrierefreiheit große Vorteile mit sich bringt. Hewlett Packard Italia, Public-I Group und Polymedia etwa beteiligen sich an dem EU-Forschungsprojekt »Inclusive Future-Internet Web Services (I2Web)«. Das Projekt wird vom FIT koordiniert und ist mit einem Budget von 2,7 Millionen Euro auf zwei Jahre angelegt. Zu den Partnern gehören die Universitäten York (Großbritannien) und Ljubljana (Slowenien)  sowie die Selbsthilfeorganisation für blinde Menschen National Council for the Blind of Ireland und die Foundation For Assistive Technology (FAST). Die beteiligten Unternehmen bieten Internet-Fernsehen, Video On Demand, Online-Banking sowie Content-Management-Systeme an – diese Angebote sollen künftig barrierefrei sein.

Das hat durchaus wirtschaftliche Gründe: Ältere und behinderte Menschen greifen wegen ihrer einschränkten Mobilität zunehmend auf Webdienstleistungen zurück. Die Zielgruppe ist groß und sie wächst weiter an. Laut Statistischem Bundesamt wird in Deutschland bis zum Jahr 2050 die Anzahl der über 65-Jährigen und der über 80-Jährigen um 54 Prozent bzw. 174 Prozent zunehmen. Fast jeder Dritte wird dann älter als 65 sein. Hinzu kommen noch jüngere Menschen mit Beeinträchtigungen: Die UN schätzt, dass schon heute 40 Prozent der Weltbevölkerung von barrierefreien Webangeboten profitieren würden.

Die in Deutschland gültigen Regeln für Barrierefreiheit entsprechen international vereinbarten Spezifikationen und Standards, die durch das World Wide Web Consortium (W3C) festgelegt und in der »Barrierefreien Informationstechnik- Verordnung« (BITV) verankert sind. Zu den Empfehlungen gehört etwa, dass Bilder und Videos auf Internetseiten eine Kurzbeschreibung und einen Titel erhalten. Pop-ups sollten generell vermieden werden, die Navigation sollte übersichtlich und die komplette Internetseite mit aktueller Technologie zugänglich sein. Behinderte Menschen nutzen oft assistive Technologien, etwa Vorlese-Software oder Tastatur-Steuerungshilfen, die sich auf Seiten ohne diese Standards nicht zurechtfinden.

»Ein häufiger Fehler bei Internetangeboten ist der allgemeine Seitenaufbau«, sagt FIT-Mitarbeiter Dr. Yehya Mohamad. »Webgestalter vergessen oft, dass Nutzer vor allem gezielt Informationen suchen – und sich dafür nicht durch zehn Unterseiten klicken wollen.«

Damit Seitenbetreiber ihre Angebote effizient überprüfen können, haben die FIT-Informatiker bereits 2004 die »imergo Web Compliance Suite« entwickelt. Sie beinhaltet eine Reihe von Tools, die sich in Content-Mangement-Systeme integrieren lassen. Sie überprüfen Websites auf die Einhaltung bestimmter Regeln hin und zwar nicht nur bezüglich Barrierefreiheit: So könnte man ein soziales Netzwerk wie Facebook auf bestimmte Wortgruppen hin überprüfen, die auf illegale Aktivitäten hinweisen. Ein Unternehmen könnte auch verifizieren, ob auf allen Unterseiten das Corporate Design eingehalten wird. »Oft pflegen mehrere Content Manager große Webangebote«, sagt Velasco. »Die Suite prüft, ob sich auf jeder Seite etwa das Logo an der richtigen Stelle befindet.«

Das 2011 gestartete EU-Projekt  »I2Web« ist eine Art Weiterentwicklung der »imergo Web Compliance Suite«. Der Prototyp enthält zum Beispiel eine Entwicklungsumgebung für einen Expert-Viewer. Nicht alle Richtlinien für Barriere-freiheit lassen sich von einer Software automatisch checken. So sollten Fotos auf einer Web-seite einen sinnvollen Alternativtext haben. Ein Prüftool erkennt zwar, ob ein Text existiert, aber nicht, ob er auch »sinnvoll« beschreibt, was auf dem Bild zu sehen ist. Der Expert-Viewer bietet deshalb eine Liste aller relevanten Bildtexte an, die von Redakteuren auf inhaltliche Korrektheit hin überprüft werden können. Ein wichtiger Teil des EU-Projekts ist die Konformität mit Schnittstellen, etwa wenn Kunden Video On Demand oder Internet-TV auf ihrem Fernseher nutzen möchten. I2Web stellt sicher, dass die Angebote auf möglichst allen Geräten reibungslos funktionieren und barrierefrei zu bedienen sind.

Dank der rasanten Entwicklungen des Internets geht den FIT-Forschern die Arbeit auch in Zukunft so schnell nicht aus – sie müssen ihre Tools immer wieder an neue Browser, aktuelle Mobilgeräte oder zusätzliche Schnittstellen anpassen. Doch die Arbeit lohnt sich: Open Text, einer der fuḧrenden Anbieter von Content-Management-Systemen, vertreibt bereits seit einigen Jahren erfolgreich die »imergo-Tools« als Zusatzoption zu seinen Produkten. Die Hauptnutzer kommen derzeit aus den USA und Kanada, wo strikte Anti-Diskriminierungsrichtlinien behinderten und älteren Menschen den uneingeschränkten Zugriff auf Dienstleistungsangebote ermöglichen sollen. Insbesondere, wenn sich Unternehmen auf öffentliche Ausschreibungen bewerben, wird genau überprüft, ob ihre Webangebote barrierefrei sind. In Deutschland gibt es bislang nur für die Angebote von Behörden der Bundes- beziehungsweise Landesverwaltung entsprechende Vorgaben, die auch bei Ausschreibungen Berücksichtigung finden.

Wichtiger für die Verbreitung des Browsens ohne Hürden dürften aber wirtschaftliche Aspekte sein. Wenn sich Web Compliance lohnt, dann ziehen die Unternehmen mit. Und das scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein: Die British Telecom, die ihre Internetangebote kürzlich entsprechend überarbeitet hat, meldete einen Verkaufszuwachs von 6,5 Prozent – allein dank Compliance-Verbesserungen.
Boris Hänßler