weiter.vorn 2.2012
Fraunhofer-Gesellschaft
Automaten im Aufbruch
Der klassische Automat, der plump in der Ecke stand und wenig bot, hat ausgedient. Die Zukunft gehört vielseitigen und intelligenten Geräten. Ein europäisches Forscherteam entwirft Szenarien.
Stefan Müller ist spät dran: Ihm bleiben nur noch wenige Minuten, bis sein Zug Richtung Hamburg losfährt. Die Zeit reicht gerade noch, um am Fahrkartenautomaten ein Bahnticket zu kaufen. Eigentlich würde Herr Müller gern noch eine Zeitung, einen Kaffee und ein Croissant mit auf die Reise nehmen, aber er hat kein Bargeld dabei und der nächste Bankautomat ist nicht in Sichtweite. Der Geschäftsmann muss seine Reise daher hungrig und ohne Lektüre antreten – kein guter Start in den Tag.
In Situationen wie dieser wünscht sich jeder einen Automaten, der alles kann: Fahrkarte verkaufen, Bargeld auszahlen, Konzertticket ausgeben, Kaffee ausschenken und den Leihschlüssel fürs Mietauto einziehen. Noch ist eine solche Allround-Maschine eine Vision. Doch sie könnte innerhalb von fünf bis zehn Jahren Realität werden. Das zumindest meinen die Forscher im Verbundprojekt »Erlebnis Automat – Visionen und Lösungen für die Automaten von Morgen«. Die Federführung liegt beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart. »Wir wollen nicht nur den Automaten von morgen entwickeln, sondern die Zukunft der Automaten insgesamt erfassen«, erklärt Wolfgang Beinhauer vom IAO. Der Diplom-Informatiker leitet das Marktstrategie-Team Web Application Engineering. Es geht in dem Verbundprojekt also um strategische Fragestellungen: Welche neuen Dienste werden durch Automaten bedient? Wo lassen sie sich ersetzen? Wie sehen integrierte Gesamtservicekonzepte der Betreiber aus und was trifft auf die größtmögliche Nutzer-Akzeptanz?
Die neuen Alleskönner
Führende europäische Automaten-Hersteller und -Betreiber aus den Geschäftsfeldern Bank, Telekommunikation, Einzelhandel, Verkehr und Großveranstaltung sowie Dienstleister, die Software für Automaten anbieten, erarbeiten seit Frühjahr 2010 branchenübergreifend neue Ansätze für den Self Service. »Die Menschen, die hier kooperieren, stammen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und wären vermutlich nie miteinander in Kontakt gekommen«, erzählt Beinhauer. Genau darin liegt der Erfolg des Projekts: Banker lernen beispielsweise von Spielautomatenherstellern – und umgekehrt. Die Fraunhofer-Wissenschaftler moderieren den Industriezirkel, liefern Hintergrundrecherchen, Studien und bauen Prototypen für den Automat der Zukunft. Erste Forschungsergebnisse zeigt die im vergangenen Dezember eröffnete Automatenlandschaft im IAO. Der interaktive Showroom ist sozusagen Höhepunkt der ersten Projektphase. Seit Januar 2012 läuft nun Projektphase 2: In den kommenden 24 Monaten steht die konkrete Umsetzung der Visionen im Mittelpunkt.
Avanade Cloud-Studie 2011
Doch wie sieht die Zukunft aus? Auf den ersten Blick scheint die Ära der Automaten zu Ende zu gehen. Das Zeitalter der Smartphones hat längst begonnen. »Tatsächlich sind sich die Partner darüber einig, dass die Verwendung von Automaten einen Peak erreicht und teilweise bereits überschritten hat«, sagt Beinhauer. Dennoch seien stationäre Geräte wichtig und notwendig – bestimmte Aufgaben wird selbst ein Smartphone nicht übernehmen können: Geld wird es über das Handy niemals geben, Briefmarken, Schokoriegel und Kaffee auch nicht. Und nicht jeder besitzt ein Mobilgerät oder hat es immer dabei. »Die Zukunft liegt vor allem in der veränderten Einbindung des Automaten in unsere Lebenswirklichkeit«, prophezeit Beinhauer. Heutzutage twittern oder facebooken Menschen ganz selbstverständlich in einer digitalen Atmosphäre. Der Automat spielt dabei keine Rolle, sondern wird bestenfalls als Blechkiste mit ein paar Funktionen wahrgenommen. »Doch er muss als stationäre Einheit Teil der digitalen Welt werden. Intelligente Vernetzung lautet das Stichwort«, sagt der Forscher. Gelingt diese Einbindung, stehen dem Nutzer sämtliche Qualitäten eines Automaten, nämlich das Cash-Handling, die Ein- und Ausgabe von Objekten sowie das Bondrucken, zu jeder Zeit an jedem Ort zur Verfügung.
Noch gibt es viele unterschiedliche Automaten. Die Anschaffung und Wartung kostet die Unternehmen sehr viel Geld. Eine lukrative Alternative: Der Automat bietet mehrere Dienste an und wird zu einer Dienstleistung, welche die Unternehmen mieten können. Experten sprechen von der Virtualisierung des Automaten. »Vending as a Service« ist der Fachbegriff. Die IAO-Wissenschaftler haben für den Showroom bereits einen ersten Prototypen gebaut. »Das ist ein großes und vielseitiges Gerät«, erklärt Beinhauer. Kunden können Geld einzahlen oder abheben, Codes können eingelesen werden und auch Kartenzahlung ist möglich. Das Oberflächendesign mit verschiedenen Icons ist ans I-Pad-Design angelehnt. Hinter jedem Icon steckt ein Dienst: beispielsweise ein Fahrkartenautomat, ein Check-in-Terminal oder ein Bankomat. Der Nutzer tippt auf sein Icon und erhält den entsprechenden Anbieter. Wolfgang Beinhauer ist sich sicher: »Vending as a Service« wird in der Automatenlandschaft künftig eine große Rolle spielen.
Barrierefreie Zukunft
Ein Schwerpunktthema in dem Verbundprojekt ist die barrierefreie Nutzung von Automaten. Rollstuhlfahrer oder Sehbehinderte beispielsweise können die heutigen Automaten oft nicht nutzen. Ein verändertes Automatendesign würde zwar teilweise Abhilfe schaffen, doch stellt es längst nicht alle Menschen mit Handicap zufrieden. Erfolgversprechender wäre ein persönliches Endgerät, beispielsweise ein Smartphone: »Wenn wir ein gemeinsames Zwischenformat zur Verfügung stellen, über das die individuellen Endgeräte mit den verschiedenen Automaten kommunizieren, können wir für jede Zielgruppe Automaten uneingeschränkt nutzbar machen«, erklärt Beinhauer. Mit »openURC«, einer universellen, homogenen Schnittstelle, existiere bereits ein vielversprechender Ansatz.
Veränderungen stehen auch bei den Bankautomaten an: »Es wird ganz neue Bedienkonzepte geben«, sagt Beinhauer. Kunden können sich künftig ihre Finanzsituation grafisch ansprechend darstellen lassen. Über Videotelefonie lassen sie ihren Bankberater zuschalten. Der Gang zum Bankautomaten ähnelt dann dem Schalterbesuch: Der Kunde bekommt seine individuelle Betreuung. Der Automat wird also immer persönlicher, Interaktionen und 3-D-Animationen gehören in der Zukunft zum Self-Service-Alltag.
Spannende Zukunftsszenarien, die vor allem eines bedeuten: Nicht mehr allzu lange, und der Reisende kann an einem einzigen Automaten in letzter Minute sein Bahnticket kaufen, Bargeld abheben, sein Konzertticket mitnehmen – und mit Kaffee, Croissant und Zeitung gut gelaunt in den Zug steigen.
Katja Lüers

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