weiter.vorn 2.2012
Fraunhofer-Gesellschaft
Katastrophenwarnung auf dem Handy
Bei Sturmflut, Großbrand oder Chemieunfall wollen Behörden die Betroffenen schnell und umfassend warnen. Zusätzlich zu Sirenen, Radio oder Fernsehen informiert das Katastrophen-Warnsystem KATWARN Anwohner per Handy oder Smartphone über drohende Gefahrenlagen.
»Sturmflut-Warnung der Innenbehörde, gültig ab sofort, für PLZ 20457, tiefliegende Außendeichgebiete verlassen« – per SMS warnt die Hamburger Innenbehörde seit 18. August 2011 Anwohner in elbnahen Gebieten, wenn Hochwasser droht. Möglich wird dies durch KATWARN, ein Gefahrenwarnsystem aus dem Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS in Berlin, das die Innenbehörde zusammen mit der Hamburger Feuerkasse eingeführt hat. »KATWARN ist kein separater Warndienst, das wäre technisch aufwändig und viel zu teuer. Unser Informationssystem überbrückt vielmehr die letzte Meile zu den Endkunden und steht in einer Reihe mit den Medien oder den Sirenen. Der Vorteil: Die Bürger bekommen per Handy oder Smartphone kurze Handlungsanweisungen. Das beugt Panikreaktionen vor«, sagt Diplominformatiker Daniel Faust vom FOKUS.
KATWARN gibt es derzeit in Ostfriesland, der Freien und Hansestadt Hamburg, in Frankfurt am Main und in Bad Homburg von der Höhe. Hinter dem System stehen die großen Versicherungen in Deutschland. Sie mussten feststellen, dass die Schäden bei Stürmen oder Bränden immer größer ausfallen. »So ergab sich eine Zusammenarbeit und wir begannen im November 2008 mit einem Pilotversuch in Ostfriesland, der dankbar von der Bevölkerung aufgenommen wurde. Weitere Städte und Gemeinden folgten«, erinnert sich Faust. Initiator in Hamburg war die Feuerkasse Hamburg, in Frankfurt die Sparkassenversicherung Hessen.
Aus Datenschutzgründen ist für die Teilnahme eine aktive Registrierung nötig. Dazu muss der Interessent eine SMS mit seiner Postleitzahl an eine Servicetelefonnummer schicken. »Wir brauchen nur Postleitzahl und Handynummer«, erklärt Faust. Der Service ist kostenlos. Da die Warnungen nicht automatisch alle Personen erreichen, die sich in der betroffenen Region befinden, sondern nur diejenigen, die sich angemeldet haben, müssen die Behörden den neuen, kostenlosen Service bewerben: »In Hamburg werden wir im ersten Quartal des Jahres 2012 eine Werbeaktion in Bussen und Bahnen starten«, sagt Kay Finger von der Behörde für Inneres und Sport.
Software zehn Jahre erfolgreich im Einsatz
Die Softwarearchitektur basiert auf derselben Technologie wie das Warnsystem WIND, das bereits seit mehr als zehn Jahren erfolgreich in Deutschland im Einsatz ist: Die Versicherer stellen interessierten Städten und Gemeinden den Dienst gegen eine Gebühr zur Verfügung, die Wissenschaftler kümmern sich um die technischen Details. »KATWARN läuft mit höchster Sicherheitsstufe, alle fünf Minuten setzt das System eine Testnachricht ab, die per Roundtrip-Überwachungssystem kontrolliert wird«, berichtet Faust. Innerhalb weniger Minuten müssen alle SMS versandt werden, ohne dass dabei die Mobilfunknetze überlastet würden. Zwei Server vergleichen, für wen die Nachricht relevant ist, zusätzlich werden die Informationen über mehrere Versandprovider verteilt, um Netzausfälle zu kompensieren.
In den beteiligten Städten und Landkreisen entscheidet die Verwaltungsstruktur darüber, wer mit dem Master-Passwort den Alarm auslösen kann. Hamburg hat im Dezember fünfmal per SMS vor Sturmfluten gewarnt. Dazu kamen ein Blindgängerfund sowie eine Schadstofffreisetzung. All das hat hervorragend funktioniert. Auf die Handywarnungen allein werden sich die Behörden allerdings nicht verlassen, betont Kay Finger: »KATWARN dient lediglich als Ergänzung – und somit als additive Komponente – zu den bisherigen Warnmöglichkeiten.«
Isolde Rötzer

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