Aufbruch in eine resiliente Gesellschaft

Resilienz ist kein Zufall. Ein Fünf-Phasen-Plan verhilft zu besseren Entscheidungen in der Krise.

Corona und die Chancen

Aufbruch in eine resiliente Gesellschaft

Dr. Alexander Stolz, Fraunhofer EMI
© Fraunhofer / Philipp Horak
Dr. Alexander Stolz weiß, wie man Systeme widerstandsfähig macht. Im Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut EMI leitet der Ingenieur die Abteilung Sicherheitstechnologie.

Nach Lockdown, Bangen und Hoffen wird Aufbruchstimmung spürbar. Aus der Corona-Schwäche kann neue Stärke werden. Wie können wir in unserer vernetzten Welt Krisen nicht nur meistern, sondern an ihnen wachsen?

Selten hat ein Ereignis so viele Menschen so unmittelbar betroffen. Die Einschnitte in Beruf und Privatleben: spürbar. Die Veränderungen im Zusammenleben der Gesellschaft: erlebbar. Die Beschädigungen der globalen Wirtschaft: berechenbar. Das Ausmaß und die Dynamik der Erschütte­rungen, die das Coronavirus SARS-CoV-2 auf der ganzen Welt ausgelöst hat, haben selbst Experten überrascht. »Die Schnelligkeit, mit der diese Krise von einer lokalen zu einer globalen heranwuchs, hat uns mit Nachdruck gezeigt, wie verwundbar unsere Welt in ihrer Komplexität und Vernetzt­heit ist – und wie schlecht sie auf solche Situationen vorbe­reitet ist«, sagt Dr. Alexander Stolz. Seit zehn Jahren erforscht er am Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut, EMI im baden-württembergischen Efringen-Kirchen die Widerstandsfähigkeit von Systemen gegen Katastrophen aller Art. Die Monate mit dem Coronavirus haben dem Inge­nieur deutlich gezeigt: In Notlagen, die in so vielen Bereichen spürbar, für jeden Einzelnen erlebbar und in ihren Folgen auf so vielen Ebenen berechenbar sind, braucht Widerstandsfähigkeit Strategie: Resilienz muss messbar sein.
 

 

Bestandsaufnahme. Innerhalb weniger Wochen verbrei­tete sich das neue Coronavirus über den Globus und führte in vielen Ländern zum Stillstand des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Im April 2020 hatten 178 Länder Reisebeschränkungen in Kraft gesetzt, 157 ihre Schulen geschlossen und 145 Staaten Quarantäne und Lockdown- Maßnahmen verhängt. Die Unternehmensberatung McKinsey errechnete, dass die deutsche Wirtschaft während des Lock­downs im April Einbußen von 15 Milliarden Euro verzeichne­te – pro Woche. Mit einem Verlust von vier Milliarden Euro entfiel ein Großteil davon auf das produzierende Gewerbe, vor allem Auto-, Maschinen- und Anlagenbau, gefolgt von Gesundheits- und Sozialwesen (1,6 Milliarden Euro), Groß­handel (1,1 Milliarden Euro), Hotellerie und Gastronomie (900 Millionen Euro) sowie Kunst und Unterhaltung (800 Millionen Euro). Für das Jahr 2020 prognostiziert die EU-Kommission einen Einbruch der EU-Wirtschaftsleistung von 7,4 Prozent, wobei Deutschland mit einem Minus von 6,5 Prozent weniger hart getroffen würde als Frankreich und Italien. Um die Folgen zu überwinden, stellt die EU Rekordsummen zur Verfügung.

Nach Schätzungen von McKinsey würde es dennoch bis 2028 dauern, bis Deutschland wieder den Wachstumspfad erreicht, den es ohne die Pandemie gegangen wäre. Unter einer Voraussetzung: Das Land muss die Chance nutzen und den digitalen Strukturwandel vorantreiben. Die Erfolgsaussichten dafür stehen gut. Viele Unternehmen haben ihre Prozesse Covid-19-bedingt im Zeitraffer digitalisiert. Wo oft jahrelang Bedenken gewälzt wurden, wurde nun einfach – gemacht. Der Microsoft-Vorstandsvorsitzende Satya Nadella brachte es auf den Punkt: »Wir haben zwei Jahre digitale Transformation nun innerhalb von zwei Monaten erlebt.«

Doch dies ist nicht der einzige gesellschaftliche und wirt­schaftliche Transformationsprozess, der nun an Fahrt gewin­nen kann. Denn die Corona-Zeit hat uns so klar wie nie die Schwachpunkte unseres Systems, aber eben auch die Chan­cen vor Augen geführt. »Der konjunkturpolitische Neustart der deutschen Wirtschaft muss in erster Linie eine Transfor­mation in Richtung Nachhaltigkeit fördern, die gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit essenziell stärkt«, fordert Fraunhofer-Präsident Prof. Reimund Neugebauer. Für Kanzlerin Merkel ist die zentrale Lehre aus den letzten Monaten die »stärkere strategische Souveränität Europas«. Bestehende Abhängigkeiten zu überdenken, fordert auch Neugebauer. »Das Ziel ist nicht die Autarkie, sondern die souveräne Ent­scheidungsfreiheit. Und Souveränität ist neben einer klugen Politik von der wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und sozia­len Leistungsfähigkeit einer Gemeinschaft abhängig.«

Der Indikator dafür, ob und wie Organisationen und Gesellschaften kritische Situationen technologisch, sozial und wirtschaftlich souverän meistern, ist ihre Resilienz. »Resiliente Organisationen und Systeme haben gemeinsam, dass sie Wert auf Redundanzen legen, über breit gestreute Ressour­cen verfügen, sich selbst organisieren können, auch mit unvorhergesehenen Ereignissen rechnen, sich auf die eigenen Fähigkeiten und Stärken fokussieren und flexibel in ihren Pro­zessen sind«, fasst Florian Roth, Innovations- und Resilienzforscher am Fraunhofer Institut für System- und Innovations­forschung ISI in Karlsruhe zusammen. Dabei kommt es darauf an, nicht einfach wie im Wort­sinn (lateinisch: resilire) an einer Widrigkeit »abzuprallen« und in den ursprünglichen Zustand »zurückzuspringen«. Wenn wir die Widerstandsfähigkeit unseres Systems stärken wollen, müssen wir die Dynamik nutzen und den Sprung nach vorne wagen. »Bounce forward« nennt das Roth.

Resilienz ist seit vielen Jahren Forschungsgegenstand der Psychologie und Ingenieurswissenschaften, der Sozial-und Materialwissenschaften, in Ökonomie und Ökologie. Angesichts der Komplexität des Themas kann es helfen, die analytische Vorgehensweise der Ingenieurswissenschaft heranzuziehen. Denn »Resilienz ist kein Zufall – man kann sie strategisch planen«, sagt Alexander Stolz: »Mit dem Ansatz des Resilience Engineering entwickeln wir Maßnahmen und Methoden, um vor, während und nach einer Krise die besten Entscheidungen fällen zu können. Dafür teilen wir ein großes Schadensereignis in fünf Phasen ein, die fließend ineinander übergehen: Prepare, Prevent, Protect, Respond und Recover.«

Resilienz-Phasen
© Fraunhofer EMI
Die Resilienz eines Unternehmens oder eines Systems lässt sich messen, indem Leistung als Verlauf über die Zeit betrachtet wird. Ein resilientes System minimiert den Leistungsverlust über die Zeit nach Eintritt einer Krise.

Moderne Sicherheit bedeutet Resilienz

Im Resilience Engineering werden Maßnahmen und Methoden entwickelt, um vor, während und nach einer Krise die besten Entscheidungen zu fällen. Ein Schadensereignis wird dabei in fünf Phasen einge­teilt. Davor gilt es, sich bestmöglich vorzubereiten (Prepare) und vorbeugende Maßnahmen (Prevent) zu treffen. Tritt die Katastrophe ein, geht es darum, sich zu schützen (Protect), drastische Konsequen­zen abzudämpfen und kritische Versorgungsfunkti­onen aufrechtzuerhalten (Respond). Nach der Krise müssen alle Dinge schnell wieder zum Laufen ge­bracht (Recover) und durch systematisches Lernen die Lehren aus der Krise gezogen werden.

Interviews und Beiträge mit Fraunhofer-Forschern

© Fraunhofer / Philipp Horak

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Janis Eitner

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