Corona und die Chancen

Auszeit dem Klima zuliebe

Lorenz Erdmann, Zukunftsforscher am Fraunhofer ISI
© Fraunhofer / Philipp Horak
Lorenz Erdmann, Zukunftsforscher am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI

Einfach mal nichts tun, das haben wir verlernt. Dabei braucht Nachhaltigkeit Entschleunigung, sind Forscher überzeugt.

Die Wartezeit auf dem Bahnsteig für drei Gespräche über zwei Messenger nutzen, im Pendlerzug schon mal die E-Mails checken oder online den Lebensmittel-Einkauf erledigen – der moderne Mensch ist Meister der Effizienz. Ungenutzte Zeit ist vergeudet. Smartphones und diverse Apps, Multitasking, Lieferservices, Online-Shopping und Co. sollen helfen, Zeit zu sparen. Doch statt sich über mehr Muße zu freuen, klagen immer mehr Menschen über wachsende Zeitnot. In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2019 gaben 26 Millionen Deutsche an, zu wenig Zeit zu haben.

»Es ist paradox: Trotz aller zeitsparender Technik nimmt die Zeitnot in der subjektiven Wahrnehmung zu«, sagt Lorenz Erdmann, der das Geschäftsfeld Zukünfte und Gesellschaft am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe leitet. Diesen sogenannten Zeit-Rebound- Effekt hat der Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch über Beschleunigung 2005 erstmals beschrieben. Die gesparte Zeit werde, so Rosa, nicht dafür genutzt, sich für andere Dinge mehr Zeit zu nehmen, wie Entspannung oder soziale Kontak­te, sondern in mehr Produktivität umgesetzt.

So fühlen sich heute viele wie in Michael Endes weltbe­rühmtem Kinderbuch »Momo«: Je schneller sie arbeiten, desto weniger Zeit bleibt – ein Hamsterrad, das sich immer schneller dreht und aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. »Das Leben wird voller«, ist auch Lorenz Erdmann überzeugt. Zusammen mit Partnern von der TU Berlin und der Leuphana Universität Lüneburg will er Rosas These jetzt empirisch überprüfen – und untersuchen, welche Auswirkun­gen der Effekt auf Gesellschaft, Wirtschaft und nachhaltigen Konsum hat.

Schlafen, Sport machen und ausruhen – das wollten die meisten

Dafür entwickeln Erdmann und seine Kollegen ein Simulati­onsmodell, das sie mit Daten aus den Zeitverwendungsstudi­en des Statistischen Bundesamtes, Daten zu CO2-Emissionen, Ernährung, Mobilität, digitalen Medien, E-Commerce etc. füttern. Wichtige Grundlage sind außerdem die Daten aus einer eigens für das Projekt »Zeit-Rebound, Zeitwohlstand und nachhaltiger Konsum (ReZeitKon)« durchgeführten repräsentativen Befragung. Erdmann und sein Team woll­ten unter anderem wissen, womit die Menschen ihre Zeit verbringen, wie stark sie von Zeitnot betroffen sind, wie und was sie konsumieren – und was sie tun würden, wenn sie am Tag eine Stunde mehr Zeit hätten. Die häufigsten Antworten auf diese offene Frage zeichnen das Bild einer erschöpften Gesellschaft: schlafen, Sport, ausruhen, soziale Kontakte pflegen, lesen.

Durchgeführt wurde die Befragung im Februar, noch vor dem Lockdown in Deutschland infolge der Corona-Pandemie. Für das Projekt schuf das Virus ganz neue Möglichkeiten. »Durch Corona gab es eine Systemstörung und wir mussten unseren Alltag verändern. Viele hatten plötzlich wesentlich mehr Zeit«, sagt Erdmann. Spontan schoben die Wissenschaftle­rinnen und Wissenschaftler eine zweite Befragung nach. Sie wollten wissen: Was tun die Menschen mit der gewonnenen Zeit? Erste Ergebnisse zeigen: Schlafen und ausruhen sind von den vorderen Plätzen verschwunden. Stattdessen führen Heimwerken und Gartenarbeit die Liste mit den häufigsten Antworten an.

Sind wir damit überfordert, einmal nichts zu tun?

»So einfach ist es nicht«, sagt Erdmann. »Wir haben eben unseren Alltag, in dem wir Routinen ausprägen, und die lassen sich nicht so schnell ändern. Es gibt Lebensereignisse, die ein Zeit­fenster öffnen. Routinen werden durchgeschüttelt und neue ausgebildet. So ein Zeitfenster könnte Corona sein.«

Aber nicht für alle. Erdmann betont, es sei wichtig, bei der Auswertung der Umfrageergebnisse genau hinzugucken und nach unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, Lebenslagen und -stilen zu differenzieren: »Auf Menschen mit viel Geld und viel Zeit, also die klassischen Privatiers, wirkt sich die Corona-Krise sicher anders aus als auf solche mit wenig Geld und wenig Zeit, also prekär Beschäftigte, mit zwei Kindern und zwei Jobs, die trotzdem kaum über die Runden kom­men. Bei denen ist der Zeit- und Gelddruck extrem hoch. Haben sie durch die Corona-Krise ihre Jobs verloren, vermin­dert sich zwar ihre Zeitnot, aber ihre Geldsorgen verschärfen sich. Solche mit wenig Zeit und viel Geld, gut verdienende Akademiker, denen ihr Beruf sehr wichtig ist, haben jetzt möglicherweise eine Entschleunigung erlebt – allerdings nur, wenn sie keine Kinder zu Hause betreuen mussten.« Auch wenn sich in der Gesellschaft gerade der Umgang mit Zeit ändert: »Mit dem Ausschleichen der Krise wird es starke Bestrebungen geben, wieder in die alten Muster zu fallen«, vermutet Zukunftsforscher Erdmann.

Burn-out der Natur

Doch damit droht bald die nächste Katastrophe, die Klimakatastrophe. Erdmann und seine Kollegen glauben, dass der Zeit-Rebound-Effekt erhebliche Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit hat – und damit stehen sie nicht allein. Adrienne Goehler vom Institut für transformative Nachhaltig­keitsforschung IASS in Potsdam ist sich sicher: »Nachhaltigkeit braucht Entschleunigung.« Eine Studie an der australischen Griffith University zeigte, dass entschleunigte Menschen den »Value Action Gap« wesentlich leichter überwanden – also die Diskrepanz zwischen dem Wissen um nachhaltiges Ver­halten und dessen Umsetzung. Auf der Auftaktveranstaltung des ersten Münchner Nachhaltigkeitskongresses vergangenes Jahr diskutierte der Fernsehmoderator und Astrophysiker Prof. Harald Lesch mit Zeitforschern über das Thema »Time is honey – Nachhaltige Zeitkultur und die Grenzen der Natur«. Das Fazit: Die Nonstop-Gesellschaft forciert die ökologische Krise. Durch den hohen Energie- und Ressourceneinsatz, auf dem unser beschleunigter Lebens- und Wirtschaftsstil basiert, werden die Kapazitäten und Systemgrenzen der Natur über­schritten.

Obwohl belastbare Berechnungen im Projekt ReZeitKon noch ausstehen, konnte Erdmann anhand der vorliegenden Daten bereits erste Zusammenhänge erkennen. »Zum Beispiel verbrauchten Menschen, die ihr Leben als zu hastig empfan­den, für die gleiche Kilometerzahl tatsächlich mehr Benzin als andere. Ihre Zeitnot schlug sich also in einem rasanteren, spritintensiveren Fahrstil nieder. Oder Menschen, die häufig Fertigprodukte aßen, wählten das schnellste Verkehrsmittel.« Mit dem Auto zur Fertigpizza aus der Tiefkühltruhe het­zen statt mit dem Fahrrad zum ressourcenschonend selbst gekochten Abendessen – Zeitknappheit hat auf sehr vielen Ebenen Folgen für die Umwelt. Erdmann und seine Kollegen wollen in dem Simulationsmodell zur Umweltfolgenabschät­zung zusätzlich einen wichtigen Faktor berücksichtigen, der bei bisherigen Untersuchungen außen vor blieb: die Verwendung der eingesparten Zeit und deren ökologischen Fußabdruck.

Moderne Gesellschaften, so führt Erdmann aus, seien gekennzeichnet durch ein Auseinanderfallen der Eigenzeit, also der Zeit, über die ich frei bestimmen kann, und der Fremdzeit, also die Zeiten anderer Menschen und infrastruk­turelle Rahmenbedingungen wie Ladenöffnungszeiten oder vorgegebene Arbeitszeiten. Je nach Lebenssituation und Typ leidet der eine mehr, der andere weniger unter Synchroni­sationsschwierigkeiten. Es gibt beschleunigende Effekte wie die Erwartung, schnell auf E-Mails zu reagieren, aber auch entlastende Effekte wie flexible Arbeitszeiten. »Wenn wir von Zeitwohlstand sprechen, spielt die Eigenzeit eine ent­scheidende Rolle. Sie wird häufig hintangestellt. Aber ohne Berücksichtigung der Eigenzeit lassen sich auch andere Zeiten wie Arbeits-, Kinder- oder soziale Zeit nicht gut ausfüllen. Sie ist eine wichtige Ressource.«

Vom Zeitnotstand zum Zeitwohlstand

Um von dem Zeitnotstand in den Zeitwohlstand zu kommen, seien, so glauben die Forscher, die Vermittlung von Zeitge­staltungskompetenz, Achtsamkeitstraining oder das Aus­probieren neuer Arbeitszeitmodelle wichtige Maßnahmen. Interventionsstudien in Schulen, in verschiedenen Unterneh­men und im Privatleben sind geplant. So soll ein Ratgeber zu Zeit und Nachhaltigkeit entstehen.

Hat Lorenz Erdmann durch seine Forschung selbst schon zu mehr Zeitwohlstand gefunden? »Ich glaube, dass mein Bewusstsein für die Zeitdiebe gewachsen ist. Mein Umgang mit digitalen Medien ist sehr zielorientiert. Ich habe beispielsweise die Signaltöne für einkommende Nachrichten deaktiviert, weil ich in meinen Arbeitsphasen nicht unterbro­chen werden will. Meine Eigenzeit ist mir heilig, da fordere ich von anderen Respekt ein. Man ist immer sehr verleitet, Zeit wie ein Sparguthaben zu verwalten. Aber Zeit lässt sich im Gegensatz zu Geld nicht horten. Sie vergeht einfach.«