Corona und die Chancen

Führung, Daten, Innovation — unser Pfad für stärkere Resilienz

Oliver Zipse, Vorsitzender des Vorstands der BMW AG
© Thomas Meyer/Ostkreuz
Oliver Zipse, Vorsitzender des Vorstands der BMW AG

Europas größte Stärken liegen in den Köpfen der Bürger: in ihrem Forscher- und Pioniergeist, in ihrer Kreativität und in ihren freien Gedanken. Europa kann stärker aus der Krise hervorgehen, wenn wir den größtmöglichen Raum zur Entfaltung erhalten — und wenn mehr in Bildung und Forschung investiert wird.

Ein Gastbeitrag von Oliver Zipse, Vorsitzender des Vorstands der BMW AG

Corona hat die Uhren auf null gestellt – das öffentliche Leben stand für viele Wochen sprichwörtlich still. Entstanden ist eine Krise in globalem Ausmaß, die nicht nur eine gesund­heitliche Komponente hat, sondern auch eine wirtschaftliche. Der weitere Verlauf der Pandemie ist noch immer ungewiss. Klar ist aber schon jetzt: Die Weltwirtschaft rutscht 2020 in eine tiefe Rezession, der IWF prognostiziert minus drei Prozent. Viele Unternehmen befinden sich in bedrohlicher Schieflage, einige mussten bereits Insolvenz anmelden. Dazu kommen starke regionale Unterschiede, die wir am Automo­bilabsatz ablesen können: Während zum Beispiel in Groß­britannien im ganzen April und bis weit in den Mai hinein fast keine Autos mehr zugelassen wurden, bewegt sich der chinesische Markt für die BMW Group im gleichen Zeitraum bereits wieder über Vorjahresniveau. In dieser Situation stellt sich die Frage, nach welchen Prämissen Unternehmen und ganze Volkswirtschaften gesteuert werden können, um den Weg zurück zu Wachstum und Normalität zu finden.

In einer Phase mit harten Einschnitten und hoher Unge­wissheit gewinnen Entscheidungen an Tragweite: Sie sind wichtiger denn je und müssen konsequent getroffen werden. Mit wachsender Unsicherheit steigt dabei auch das Konflikt­potenzial, welcher Weg der richtige ist – oder sein kann.

Wer führt, der muss auf unbekanntem Terrain Orientierung geben, Konflikte auflösen und gleichzeitig mehr denn je mit verantwortlichen Entscheidungen in Vorleistung für die zukünftige Entwicklung gehen.

Daten als Entscheidungsgrundlage — und die möglichst umfassend

Hilfreich dabei sind – und wir haben heute mehr denn je die Möglichkeiten dazu – möglichst umfassende Datengrundla­gen zur Entscheidungsfindung. Bisherige Prognosemodelle zur Marktentwicklung müssen ergänzt werden mit übergrei­fenden Daten wie dem aktuellen Stand der Pandemiefor­schung sowie den Krisenbewältigungserfolgen und Maß­nahmen einzelner Regionen. Live-Daten zu Mobilitäts- und Käuferverhalten, Analytics zu Konsum, Mobilarbeit und Reise­verhalten sowie zur Auslastung des öffentlichen Nahverkehrs geben Anhaltspunkte zur Rückkehr des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Der Digitalisierungsschub, den die Krise beschleunigt hat, bringt die Gesellschaft in vielen Berei­chen spürbar voran, wird uns flexibler und anpassungsfähiger machen und damit zu mehr Resilienz nach der Krise führen.

Viele Unternehmen stehen vor harten Einschnitten – auch die BMW Group stellt zahlreiche Projekte auf den Prüfstand. Dabei muss jedoch unbedingt die technologische Vorentwicklung geschützt werden. Denn Technologien, die sich jetzt im frühen Stadium befinden, werden in einigen Jahren einen Innovationsvorsprung ermöglichen. Was jetzt gestoppt wird, ist für die Zukunft womöglich unwiederbring­lich verloren. Dazu zählen unter anderem Investitionen in die Software im Fahrzeug wie die nächste Generation der Betriebssysteme und Vernetzung, in digitale Infrastruktur oder als konkretes Beispiel auch in Quantencomputer, ein Projekt, das Fraunhofer auf europäischer Ebene vorantreibt. Klassische Investitionen in Sachanlagen hingegen lassen sich leichter auf der Zeitachse verschieben, ohne die eigene Innovationsstärke zu schwächen. Auf die politische Ebene gemünzt bedeutet das, die aktuellen staatlichen Investitio­nen zur Existenzsicherung von Unternehmen mit Rahmen­bedingungen zu begleiten, innerhalb derer Unternehmen künftig wieder unabhängig von staatlichen Unterstützungs­maßnahmen aus eigener Kraft wachsen können und in der sich Innovationstätigkeit entfalten kann. Schließlich sind viele Branchen nicht deswegen in eine Schieflage geraten, weil das Geschäftsmodell nicht funktioniert, sondern weil aufgrund administrativer Entscheidungen eine Ausübung nicht möglich war.

Europas größte Stärken liegen in den Köpfen der Bürger: In ihrem Forscher- und Pioniergeist, in ihrer Kreativität und ihren freien Gedanken. Das sollten wir fördern und ihnen den größtmöglichen Raum zur Entfaltung geben, damit Europa stärker aus dieser Krise hervorgeht. Das bedeutet mehr posi­tive Impulse statt pauschaler Verbote, mehr Investitionen in Bildung und Forschung statt nachträglicher Umverteilung.

Luft für einen echten Bildungsvorsprung

Die deutschen Bildungsausgaben liegen zwar kaufkraftberei­nigt pro Bildungsteilnehmer über dem OECD-Durchschnitt. Aber gemessen an der Wirtschaftskraft sind die Ausgaben für formale Bildungseinrichtungen mit 4,2 Prozent des BIP deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5 Prozent und haben noch Luft, um digitale Kompetenzfelder zu stärken und einen echten Bildungsvorsprung zu erarbeiten. Das macht auch unsere Wirt­schaft anpassungsfähig, reaktionsschnell und zukunftssicher. Wir haben die richtigen Zutaten für ein hohes Maß an Resilienz.