Corona und die Chancen

»Resilienz ist der Schlüssel, um die Vorteile der Globalisierung zu sichern.«

Interview mit Prof. Stephen E. Flynn, Gründungsdirektor des Global Resilience Institute, Northeastern University, Boston, Massachusetts

Stephen E. Flynn
Stephen E. Flynn ist internationaler Resilienz-Experte, Professor für Politikwissenschaft und war führender Berater der Regierung Barack Obama in Homeland-Security-Fragen.

Was macht eine Gesellschaft, ein Land resilient?

Flynn: Die Resilienz einer Gesellschaft erwächst aus der Widerstandsfähigkeit 1. ihrer Individuen, Familien und Gemeinschaften, 2. ihrer Infrastrukturen und Systeme und 3. einer nachhaltigen, gerechten Wirtschaft. Resiliente Länder können in Krisen auf ein starkes Sozialkapital sowie robuste Infrastrukturen und Systeme zurückgreifen, mit denen sich Funktionen aufrechterhalten oder schnell wiederherstellen lassen. Zudem haben sie ausreichend Ressourcen, um Ver­luste auszugleichen und soziale Sicherung zu gewährleisten. Dabei können Stärken in einem Bereich Defizite in einem anderen ausgleichen. Entwicklungsländer beispielsweise, die über eine starke individuelle und kollektive Resilienz verfügen, sind in der Lage, versagende Infrastrukturen oder knappe Ressourcen auf kreative, kostengünstige Weise zu kompen­sieren. Was dies betrifft, können Industrieländer hier noch viel von Entwicklungsländern lernen.

Welche Kompetenzen müssen wir aufbauen, um für kommende Krisen vorbereitet zu sein?

Künftig müssen wir die Wissenschaft durch kollaborative Tools mehr vernetzen, um die Ausbreitung von Krankheiten besser zu modellieren und vorherzusagen. Staaten müssen in die gesundheitliche Aufklärung der Bevölkerung investie­ren und die internationale Zusammenarbeit stärken, um die Entwicklung von Tests und Impfstoffen zu beschleunigen. Zudem gilt es, die schnelle Produktion und Bereitstellung von Grundversorgungsgütern dort zu sichern, wo sie dringend gebraucht werden. Viren sind politische Grenzen egal, auch wir sollten diese bei ihrer Bekämpfung außen vor lassen.

Die Pandemie hat die USA besonders hart getroffen: Welche Lehren sollte das Land ziehen?

Die Bekämpfung einer Pandemie ist eine lokale und keine nationale Angelegenheit. Investitionen in das Gesundheits­wesen auf lokaler und regionaler Ebene sind ebenso zentral wie der Ausbau von Krankenhauskapazitäten. Zudem bringt die Krise das Modell des US-amerikanischen Gesundheitssys­tems an seine Belastungsgrenze, eine grundlegende Gesund­heitsreform ist unumgänglich. Eine weitere wichtige Lektion ist, dass sich das Pandemie-Risiko durch Grenzkontrollen nur beschränkt bekämpfen lässt – dies gelingt nur durch inter­nationale Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Und schließlich ist auch der politische Wille gefragt, in die Abwehr von Katastrophen zu investieren, die zwar vielleicht eine geringe Wahrscheinlichkeit, aber verheerende Folgen haben können.

Wie lassen sich Globalisierung, Wirtschaftlichkeit und Resilienz vereinen?

In unserer hypervernetzten Welt haben Katastrophen nicht mehr nur lokale Auswirkungen, sondern können lawinenartig weltweit verheerende und kostspielige Folgen haben. Wegen der wirtschaftlichen Vorteile der Globalisierung hat die Welt in den letzten dreißig Jahren massiv in Vernetzung investiert, es jedoch versäumt, sich gegen damit einhergehende Risiken angemessen abzusichern. Dabei sind Bürger und Unterneh­men nur dann bereit, sich zusammenzutun, wenn sie glauben, dass der Nutzen das Risiko überwiegt. Schätzen sie das Risiko größer ein als den Gewinn, koppeln sie sich ab – das hat die Reaktion auf die Pandemie deutlich gemacht. Entsprechend liegt der Schlüssel zur Sicherung der Vorteile der Globalisie­rung darin, in Resilienz zu investieren. Die Alternative – ein kurzfristiger Fokus auf Wirtschaftlichkeit, der Störungen außer Acht lässt – ist fahrlässig und schädlich. Letztlich lässt sich eine globale Wirtschaft, die nachhaltig und gerecht ist, nur dadurch aufbauen, dass auf allen Ebenen und in allen Infrastruktur- und Systembereichen in Resilienz investiert wird.