Aufbruch in eine resiliente Gesellschaft

Recover

Wie erholen sich Systeme schnell und lernen daraus?

Dr. Alexander Stolz vom Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut, EMI macht Hoffnung: »Die Finanzkrise 2008, die vielleicht am ehesten mit der momen­tanen wirtschaftlichen Lage vergleichbar ist, hat gezeigt, dass Deutschland sich sehr schnell wieder erholt hat. Die Stärken, die uns dabei zugute kamen, waren der flexible und innovative Mittelstand, eine breit aufgestellte Produktion und Forschung und damit ein diverses und starkes Wirtschaftssystem.« Neben den wirtschaftlichen Voraussetzungen ist für die Recover-Phase vor allem eins wichtig: Auch sie muss strategisch geplant sein. »Der schrittweise Wiedereinstieg in die Normalität muss schon in den Phasen zuvor mitgedacht werden – auch wenn da noch große Unsicherheit herrscht, wohin sich das Geschehen ent­wickelt. Um Entscheidungen wiederkehrend und dynamisch auf den Prüfstand zu stellen, müssen wir einfache Indikatoren festlegen, die die Wirkung der Maßnahmen ständig messbar machen. Tägliches Protokollieren macht Erfolge sichtbar, zeigt Schwachstellen und hilft, schnell zu reagieren«, sagt Stolz.

Für Unternehmen gilt es in der Recover-Phase nach dem Corona-Lockdown, die Balance zwischen zwei Aufgaben zu finden: Auf der einen Seite müssen sie Mitarbeitende und Kunden schützen, auf der anderen Seite die Produktion wieder aufnehmen, um die finanziellen Verluste zu minimieren. Im vir­tuellen Arbeitskreis »Virtual CoLAB – resiliente Wertschöpfung in Zeiten von Corona« bereitet das Fraunhofer-Institut für Pro­duktionstechnik und Automatisierung IPA in Kooperation mit Fraunhofer Austria Firmen darauf vor, die Produktion wieder sicher hochzufahren und sich gleichzeitig krisenfest aufzustel­len. Dort helfen die Expertenteams zum Beispiel dabei, einen systematischen Maßnahmenkatalog zu erstellen, auch der Aus­tausch mit anderen Unternehmen zu Best Practices ist möglich. »Oft sind es einfache Maßnahmen, die in der Anfangszeit am meisten helfen: Temperaturmessung, Bustransport-Manage­ment, Arbeitsplatzgestaltung und Risikoanalyse gehörten zu den ersten Schritten«, berichtet Projektleiter Maximilian Dörr. »Darauf aufbauend erarbeiten wir dann Strategien für mehr Wandlungsfähigkeit in der Zeit nach der Krise.«

Eine weitere Herausforderung ist es, aus dem Takt geratene Lieferketten wieder in Gang zu bekommen. Durch weltweite Produktionsstopps kam es einerseits zu Materialengpässen, andererseits erhöhten konstant gelieferte, aber nicht weiterver­arbeitete Waren die Bestände hierzulande. Diese asynchronen Supply-Chain-Zustände in der Produktion gilt es nun wieder zu synchronisieren. Im Projekt »Fast Ramp up« hilft das Fraun­hofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML in Dortmund Unternehmen mit einer szenarienbasierten Planung und Steue­rung. »Mit der Toolsuite Order-To-Delivery-NETwork Simulator, kurz ODT NET, können wir Lieferketten- und Ramp-up-Szenarien simulativ bewerten, sodass die Produktion schnell wieder hochgefahren werden kann«, sagt Projektleiter Marco Motta. Der letzte und nicht minder wichtige Schritt ist es, aus den bisherigen Maßnahmen zu lernen und das Gelernte zu adaptieren – bevor sich nahtlos eine erneute Prepare-Phase anschließt. Dazu ist es wichtig, über alle Phasen hinweg an­fallende Daten und Beobachtungen, die in die Krisenbewer­tung und -bewältigung einfließen, strukturiert zu sammeln und abzulegen. Kein leichtes Unterfangen, da diese Daten sehr divers sind und selten einheitlich oder zentral erfasst werden. Hier können vor allem KI-Methoden wie Machine Learning unterstützen.

International sind bereits Aufarbeitungsstudien gestartet, aus denen sich eine erste Bilanz ziehen lässt. So haben im Projekt CoronaNet über 150 Forschende über 18 Zeitzonen hinweg Tausende Maßnahmen, die in über 200 Ländern zur Eindämmung des Virus ergriffen wurden, untersucht und kategorisiert. Unterstützt durch maschinelles Lernen, analysierten sie dafür über 200 000 Nachrichtenartikel und extrahierten daraus 16 verschiedene Maßnahmentypen. In einem Aktivitätsindex verglichen sie zum Beispiel, in welchem Umfang und zu welchem Zeitpunkt die verschiedenen Länder die Maßnahmen einsetzten. Ende April lag Deutschland hier im internationalen Vergleich im Mittelfeld.

Auch einige Fraunhofer-Institute haben Forschungsprojekte ins Leben gerufen, um wichtige Erkenntnisse aus den letzten Monaten zu ziehen. So will Alexander Stolz an seinem Institut anhand von Korrelationsmodellen den Einfluss verschiedener Maßnahmen etwa auf den Betrieb kritischer Infrastruktu­ren in ausgewählten Regionen erfassen. Dabei bedienen er und sein Team sich unterschiedlichster Quellen: verfügbare statistische Daten, Informationen von Betreibern und Unter­nehmen, aber auch Pressemeldungen. Diese werden dann so aufgearbeitet und strukturiert, dass sie miteinander korrelier­bar sind. Ein aktuell am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI gestartetes Projekt hat das Ziel, die Dynamik von Systemtransformationen konzepti­onell und analytisch zu verstehen und zu gestalten. Die For­schenden entwickeln Konzepte, um Politik und Unternehmen bei der Ausarbeitung von Strategien, die den Wandel von Systemen beeinflussen, zu unterstützen.

Noch ist es zu früh für abschließende Beurteilungen. Doch die Erfahrungen aus diesem womöglich größten natürlichen Experiment unserer Zeit, die uns zur Verfügung stehenden intelligenten Analysewerkzeuge, zusammen mit den neu entdeckten Möglichkeiten der Kollaboration und der Flexibilisierung sowie der Besinnung auf unsere Fähigkeiten werden uns nicht nur helfen, gestärkt aus dieser schwierigen Zeit hervorzugehen. Sondern uns auch den nötigen Schwung für die wichtigen Transformationsprozesse geben. Vorausge­setzt, das Umdenken hält an. »In der Resilienzforschung sind wir gewisse Konjunkturzyklen für unsere Forschung gewöhnt. Die Gefahr besteht, dass, wenn die Maßnahmen greifen und die Krise gut überstanden ist, man weitermacht wie bisher«, gibt Florian Roth zu bedenken. »Doch ich bin überzeugt, dass diese Krise noch lange in unserem kollektiven Gedächtnis verankert sein wird. Und mit ihr die Erkenntnis, dass es letz­lich besser ist vorzusorgen, als im Nachhinein die Scherben aufzukehren.«