Künstliche Intelligenz in der Medizin

Interview mit Prof. Dr. Stefan Wrobel

Prof. Dr. Stefan Wrobel
© Intuitive Fotografie Köln

»Es gibt fast schon wöchentlich Fortschritte«

Wird Künstliche Intelligenz den menschlichen Verstand verdrängen?
Gegen die Masse der Mythen stellt sich Prof. Stefan Wrobel vom Fraunhofer IAIS.

 

Alle reden von KI, was steckt tatsächlich hinter »Künstlicher Intelligenz«?

Wir Menschen sehen und hören, wir machen Pläne und wir passen sie an Veränderungen an. KI ist, wenn wir solche kognitiven Leistungen auf Maschinen oder Rechnern nachbauen. Allerdings wissen wir bis heute nicht bis ins Detail, wie unser Gehirn derlei Dinge eigentlich leistet. Aber wir können uns mathematische Verfahren überlegen, die in Teilbereichen ähnliche Leistungen erbringen. Mit Algorithmen analysiert die Maschine Beispieldaten, leitet daraus Modelle ab und verbessert ihr Verhalten Schritt für Schritt.

So weit die Realität. Wo beginnt der Mythos?

Die Quelle vieler Ängste ist eine Annahme: Künstliche Intelligenz denke wie ein Mensch. Wir sehen, wie KI den Menschen beim Schach- oder Go-Spiel besiegt, wie sie menschliche Sprache vom Deutschen ins Italienische übersetzt oder für den Menschen den Anruf beim Friseur übernimmt und einen Termin vereinbart. Und daraus schließen wir: Wenn

KI das kann, dann kann sie auch alles andere, was wir Menschen können. Genau das ist jedoch noch nicht der Fall. Der Künstlichen Intelligenz fehlt zurzeit noch das Gesamtverständnis von bestimmten Vorgängen, wie wir Menschen es haben.

Was kann KI?

Es ist definitiv kein Mythos, dass KI den Menschen in bestimmten Bereichen ersetzen kann. Ist eine Aufgabe klar umrissen und abgegrenzt und liegen genügend Daten oder menschliches Wissen vor, kann die Künstliche Intelligenz Leistungen erbringen, die sich auf dem Niveau menschlicher Expertinnen und Experten bewegen. Oder sie kann sogar darüber hinausgehen.

Und was kann KI nicht?

Systeme der Künstlichen Intelligenz werden jeweils für eine bestimmte Aufgabe entwickelt. Aktuell ist es nicht möglich, diese automatisch auf andere Aufgaben auszudehnen. Ist ein System darauf trainiert, Sätze vom Deutschen ins Italienische zu übersetzen, dann kann es nicht automatisch auch Schach spielen. Eine weitere grundsätzliche Frage liegt im Bereich der Selbstreflexion: Künstliche Intelligenz kann noch nicht erkennen, was sie nicht kann. Soll ein KI-System zur Diagnose von Fräsmaschinen plötzlich eine Stanzmaschine analysieren, so wird sich die KI nicht wehren – allerdings wird sie auch keine sinnvollen Ergebnisse liefern.

Wann wird KI diese Grenzen überwunden haben?

Alle wüssten gerne, wann welche Zukunft eintritt. Vieles im Bereich der KI ging schneller, als wir es selbst für möglich hielten. Anderes dagegen dauert länger. Was man sagen kann: Es gibt monatlich, ja fast schon wöchentlich Fortschritte; die KI-Systeme des nächsten Jahres werden nicht mehr den heutigen entsprechen. Wann aber die Künstliche Intelligenz so weit ist, Weltwissen und Zusammenhänge wie wir nutzen zu können, lässt sich nicht seriös prognostizieren. Es kann zehn, zwanzig oder mehr Jahre dauern, bis KI sich allgemein so flexibel wie ein Mensch verhält. Wichtig ist: Wir dürfen nicht beim Nachdenken über zukünftige Möglichkeiten der KI hängen bleiben, sondern sollten bereits jetzt ihre Möglichkeiten nutzen. Nur indem wir KI heute schon einsetzen, können wir wettbewerbsfähig bleiben!