Climate for Culture

Kulturerbe im Klimawandel – Das EU-Projekt »Climate for Culture«

Abschlussveranstaltung des EU-Projekts »Climate for Culture« am 10. Juli im Kaisersaal der Münchner Residenz
© Fraunhofer-Gesellschaft
Abschlussveranstaltung des EU-Projekts »Climate for Culture« am 10. Juli im Kaisersaal der Münchner Residenz

Der Klimawandel bedroht nicht nur Mensch und Natur, auch vor unseren Kulturgütern macht er nicht Halt. Ein multidisziplinär zusammengesetztes Team mit 27 Partnern aus Europa und Ägypten, wissenschaftlich koordiniert durch das Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP, geht der Frage nach, wie man historische Bauten und ihre künstlerische Ausstattung vor dem Verfall retten kann. Am 9. und 10. Juli 2014 stellten Wissenschaftler in München ihre Ergebnisse aus fünfjähriger Forschungsarbeit im EU-Forschungsprojekt »Climate for Culture« vor.

Im Projekt »Climate for Culture« haben Forscherinnen und Forscher einen weltweit neuartigen Ansatz gewagt, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Innenräume historischer Gebäude und ihre Kunstsammlungen abschätzen zu können. Darauf aufbauend haben sie nachhaltige Strategien und Maßnahmen zum Erhalt unseres Kulturerbes entwickelt. Erstmals gelang es, die Klimamodellierung mit der Gebäudesimulation zu koppeln und diese Simulationsmodelle unter anderem in ausgewählten bayerischen Königsschlössern und Kirchen zu erproben.

Wir wissen heute schon ziemlich sicher, dass das Wetter extremer wird. So heiße Sommer wie 2003 werden bis zum Ende des Jahrhunderts zunehmen, aber auch extreme Regenfälle wie bei der Jahrhundertflut 2013 in Südbayern. Das Außenklima hat auch einen großen Einfluss auf das Innenraumklima von Schlössern und Museen, in denen der größte Teil unseres kulturellen Erbes ausgestellt oder gelagert ist. Hitze und Feuchtigkeit setzen unseren Kulturgütern in Zukunft verstärkt zu, Schimmelbildung droht Jahrhunderte alte Kunstwerke zu zerstören. Meteorologen rechnen damit, dass bis zum Jahr 2100 die Niederschläge vor allem im Winter in Nord- und Mitteleuropa stark zunehmen, während es im Süden Europas im Sommer vermehrt zu Trockenphasen kommt. Dies bedeutet, dass man schon heute Strategien entwickeln sollte, wie man die Gebäude möglichst passiv, also energieeffizient kühlen kann. Gebäude mit vielen Besuchern werden im Sommer für die Kühlung zusätzlichen Energiebedarf haben.

Die Abbildung zeigt die Veränderung des Schimmelpilzrisikos in Europa über 3 Zeitperioden bis 2100.

Ein multidisziplinär zusammengesetztes Team aus Chemikern, Physikern, Meteorologen, Ozeanografen, Restauratoren, IT-Spezialisten, Wirtschaftswissenschaftlern, Kunsthistorikern und Biologen hat in fünfjähriger Forschungsarbeit die Klimadaten von 120 untersuchten Kulturerbestätten in Europa und Ägypten gesammelt und ausgewertet. In Bayern sind die Königsschlösser Linderhof, Neuschwanstein und das Königshaus am Schachen sowie die St. Renatus Kapelle in Lustheim und die Kirche St. Margaretha in Roggersdorf in die Untersuchungen einbezogen. Die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, vertreten durch das Restaurierungszentrum, hat gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP in Holzkirchen die Fallbeispiele ausgewählt und unterstützt die Forscher bei der Auswertung und Interpretation der Ergebnisse. Daneben sind auch das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC sowie das Fraunhofer-Zentrum für Mittel- und Osteuropa MOEZ am Projekt beteiligt.

Ausgangsbasis war ein hochauflösendes und für Deutschland und Österreich regionales Klimamodell (REMO) des Max-Planck-Instituts für Meteorologie,  das auf ganz Europa und den angrenzenden Mittelmeerraum erweitert wurde. Die Forscherinnen und Forscher haben das Klimamodell mit eigenen hygrothermischen Simulationsmodellen kombiniert und angepasst. Dadurch wurde es möglich, die Auswirkungen von Wärme, Feuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Wasserdampf auf die Bausubstanz  historischer Gebäude aufzuzeigen und den zukünftigen Energiebedarf für die Klimatisierung der Gebäude zu berechnen. Anhand der gesammelten Informationen können erstmals nachhaltige Konzepte und Maßnahmen für den Schutz von Gebäuden und den in ihren Räumen befindlichen Kunstgegenstände entwickelt werden.  

Diese innovative Methodik läßt sich über ihre Anwendung für historische Gebäude hinaus auf den normalen Bestandsbau ausweiten und kann einen wegweisenden Beitrag zur Klimafolgenforschung und zum Klimaschutz leisten.

Im Fraunhofer-Zentrum für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege Benediktbeuern werden die aus dem Projekt gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt. Ziel des Zentrums ist es, Denkmalpflege und Bauphysik miteinander zu verbinden und Themen wie Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, Ökonomie und Ökologie sowie erneuerbare Energien einzubeziehen und dieses Wissen an die unterschiedlichen Beteiligten weiterzugeben.

Auch aus ökonomischer Sicht wurden die Ergebnisse durch Besucherbefragungen zusammen mit der London School of Economics an mehreren Standorten in Deutschland, England, Rumänien, Schweden und Italien ergänzt: Die Besucher wurden mittels eines umfangreichen Fragebogens (Willingness-to-Pay-Methode) befragt, ob sie bereit sind, sich finanziell an den Erhaltungsmaßnahmen zu beteiligen. In Deutschland wurden die Standorte Schloss Linderhof und Neuschwanstein und Kloster Bronnbach in die Untersuchungen einbezogen. Laut Dr. Johanna Leissner, der Gesamtkoordinatorin des Projekts, waren die Besucher in allen Ländern mehrheitlich bereit, neben dem Eintrittspreis zwei bis fünf Euro mehr zu bezahlen für den Kulturerbeschutz. Damit können notwendige Maßnahmen rechtzeitig und effizient zum Schutz der Denkmäler geplant werden.

Die umfangreichen Daten aus dem Projekt werden derzeit in eine internetbasierte Softwareplattform eingepflegt. Neben Energiebedarfs- und Risikokarten können Interessierte auch ein Expertensystem nutzen, das konkrete Maßnahmen für eine energieeffiziente, nachhaltige Klimatisierung vorschlägt. Die ausführlichen Forschungsergebnisse werden der Öffentlichkeit Ende des Jahres zur Verfügung gestellt.

Der Projektantrag »Climate for Culture« wurde 2008 im Wettbewerb mit elf anderen europäischen Anträgen als Bester in dieser Ausschreibung begutachtet und mit rund 5 Millionen Euro von der Europäischen Kommission gefördert.

Videostatements

Abschlusskonferenz des EU-Projekts »Climate for Culture« am 9. und 10. Juli in München

Prof. Dr. Klaus Sedlbauer, Leiter Fraunhofer-Institut für Bauphysik

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Dr. Kurt Vandenberghe, Direktor, Generaldirektion für Forschung und Innovation, Europäische Kommission

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Dr. Angelika Niebler, Mitglied des Europäischen Parlaments

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Bernd Schreiber, Präsident der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen