Interview Prof. Antje Prasse

»Ich verstehe mich als Clinician Scientist«

Prof. Dr. Antje Prasse

Prof. Dr. Antje Prasse

Patienten mit Lungenfibrose haben unbehandelt eine Lebenserwartung von drei Jahren. Medikamente können den Fortschritt der Krankheit verlangsamen, stoppen können sie ihn nicht. Das will Prof. Antje Prasse zusammen mit ihrer Fraunhofer Attract-Forschungsgruppe ändern.

Wirklich erstaunlich ist es nicht, dass Antje Prasse bei Fraunhofer gelandet ist: Bereits ihre Eltern waren am Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut, EMI in Freiburg tätig und haben sich dort kennen- und lieben gelernt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Schon früh zeigte sich auch Prasses naturwissenschaftliches Talent. Im Unterschied zu ihren Eltern gehörte ihre Leidenschaft jedoch nicht der Physik, sondern der Medizin. Sie studierte in Freiburg, wurde 1996 promoviert und habilitierte sich 2008 an der Universitätsklinik Freiburg mit einer Arbeit über interstitielle Lungenerkrankungen.

Lungenfibrose ist eine komplexe Krankheit, deren Mechanismen noch weitgehend unerforscht sind. Fest steht, dass sich das Bindegewebe, das die Lungenbläschen umgibt, unkontrolliert vermehrt und verhärtet. Dadurch gelangt nicht mehr genügend Sauerstoff ins Blut, die Patienten leiden unter zunehmender Atemnot, die schließlich zum Tod führt. Es gibt viele verschiedene Arten von Lungenfibrosen. Am weitesten verbreitet ist die idiopathische pulmonale Fibrose (IPF) – die Krankheitsursache ist unbekannt.
 

Seit fast fünf Jahren leitet Prasse eine Attract-Forschungsgruppe am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM in Hannover, die neue Konzepte für die Therapie der Lungenfibrose entwickelt. Im Herbst 2019 läuft die Forschungsförderung durch das Fraunhofer Attract-Programm aus. weiter.vorn sprach mit Antje Prasse über ihre Forschungsergebnisse, ihre Pläne und die Zukunft der Fibroseforschung.

Wie haben Sie vom Fraunhofer Attract-Programm erfahren?

Prof. Norbert Krug, Leiter des ITEM, und Prof. Jens Hohlfeld, Bereichsleiter der Atemwegsforschung am Institut, haben mich darauf aufmerksam gemacht. Wir kannten uns bereits gut über ein gemeinsames Forschungsprojekt. Ich war damals als Oberärztin an der Uniklinik Freiburg tätig und hatte eine Arbeitsgruppe aufgebaut, die zellbiologische Messungen bei interstitiellen Lungenerkrankungen durchführte. Unsere Arbeiten waren auch für die Pharmaindustrie interessant, für die ich bereits zahlreiche Projekte durchführte. Zu der Zeit, als Norbert Krug mich kontaktierte, war ich gerade auf einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt an der Yale University.

Was machte Attract so attraktiv, dass Sie Yale den Rücken kehrten und sich nach Hannover locken ließen?

Dafür gab es mehrere Gründe. Das Attract-Budget von 2,5 Millionen Euro über fünf Jahre erlaubte mir erhebliche Freiheiten, die ich sonst so nicht gehabt hätte. Außerdem überzeugte der Standort Hannover: Mit dem ITEM, der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), dem Clinical Research Center Hannover und dem Deutschen Zentrum für Lungenforschung bietet er eine einmalige Infrastruktur für klinische Forschung im Bereich Lungenerkrankungen.

Sie sind nicht nur für das ITEM tätig, sondern behandeln auch als Oberärztin Fibrosepatienten in der Klinik für Pneumologie der MHH. Ist Ihnen das nicht zu viel?

Nein. Die Verbindung zur klinischen Praxis und der persönliche Kontakt zu Patienten sind mir sehr wichtig. Ich verstehe mich als Clinician Scientist, der wissenschaftliche Erkenntnisse schnell in die Anwendung überführt. Das ITEM und die Pneumologie der Uniklinik Hannover sind sowohl personell als auch über das Lungenforschungszentrum eng miteinander verbunden. Für beide Institutionen tätig sein zu können, ist für mich ideal.

Die Förderung durch das Attract-Programm endet bald. Was waren die wichtigsten Ergebnisse der letzten fünf Jahre?

Auf der klinischen Seite haben wir uns herausragend gut entwickelt. Wir haben ein Lungenfibrose-Zentrum aufgebaut, in das Patienten aus ganz Mittel- und Norddeutschland kommen. Sie wissen, dass sie hier in den besten Händen sind und wollen gerne an Studien teilnehmen, damit endlich wirksame Mittel gegen diese Krankheit gefunden werden. Wir konnten daher zahlreiche Proben sammeln und schöpfen aus dem Vollen. Auf Grundlage unserer umfangreichen Biobank haben wir mehrere Zellkultursysteme entwickelt, an denen Pharmafirmen neue Wirkstoffe testen können. Das Interesse der Unternehmen ist stark und stetig wachsend. Wir haben zahlreiche nationale und internationale Kooperationspartner, unter anderem Boehringer, Novartis, Astra Zeneca, Indalo Therapeutics und die japanische Firma Nitto.

Warum ist das industrielle Interesse so stark? Gibt es denn so viele Lungenfibrosepatienten?

An Lungenfibrose leiden in Europa etwa 500 000 Menschen – Tendenz steigend. Lungenfibrose ist eine Alterserkrankung, das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei 68. Im Zuge des demographischen Wandels wird die Prävalenz zunehmen. Der altersdegenerative Prozess spielt bei der Krankheit eine wichtige Rolle. Die Lunge scheint für Fibrosen prädisponiert zu sein, aber auch andere Organe wie Leber, Niere oder Augen können Fibrosen entwickeln, die zu einer Zerstörung des Gewebes führen. Wir gehen davon aus, dass, wenn es uns gelingt, Lungenfibrose zu therapieren, wir Alterungsprozesse aufhalten können – und zwar nicht nur in der Lunge, sondern auch in anderen Organen.

Es geht also um den Traum von der Unsterblichkeit.

In gewisser Weise ja. 

Was glauben Sie, wann wird manLungenfibrose heilen können?

Ich denke nicht, dass wir einmal zerstörtes Gewebe in naher Zukunft wieder in gesundes umwandeln können. In zehn Jahren sind wir da noch nicht. Wenn die Entwicklung so rasant weitergeht, aber vielleicht in zwanzig. Was wir bereits können, ist das Fortschreiten der Krankheit deutlich zu verlangsamen, vielleicht können wir es bald sogar komplett stoppen.

Wie wird es für Sie persönlich weitergehen?

Um meine Zukunft wird mir nicht bange. Es ist nicht zu erkennen, dass das Interesse der Pharmaindustrie an meiner Forschung abnimmt, im Gegenteil. Ich strebe einen akademischen Lehrstuhl an, eine W3-Professur, und kann mir sehr gut vorstellen, weiterhin sowohl für das Fraunhofer ITEM als auch für die MHH tätig zu sein. Ob das hier die Strukturen ermöglichen, muss man sehen. Ich würde mich freuen.