Fortführung der zivilen Sicherheitsforschung

Positionspapier der Fraunhofer-Gesellschaft

Stand: 15.02.2017

Übergabe des Positionspapiers zur Fortführung der zivilen Sicherheitsforschung am 14. Februar 2017 an das BMBF im Deutschen Bundestag: Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär; Prof. Jürgen Beyerer, Institutsleiter Fraunhofer IOSB; Prof. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft; Stefan Müller, Parlamentarischer Staatssekretär (v.l.n.r.)

Übergabe des Positionspapiers zur Fortführung der zivilen Sicherheitsforschung am 14. Februar 2017 an das BMBF im Deutschen Bundestag: Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär; Prof. Dr. Jürgen Beyerer, Institutsleiter Fraunhofer IOSB; Prof. Dr. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft; Stefan Müller, Parlamentarischer Staatssekretär (v.l.n.r.)

Sicherheit ist und bleibt eines der wichtigsten Bedürfnisse unserer Gesellschaft. Aufgrund veränderlicher Bedrohungen ist dieses Thema nach wie vor hochaktuell. Die zivile Sicherheitsforschung ist in Deutschland als querschnittliche Forschungsdisziplin erfolgreich etabliert. Von Beginn an eingebettet in die Hightech-Strategie der Bundesregierung, tragen viele Akteure aus Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft, Behörden und Sicherheitsorganisationen in Verbundprojekten zur Erarbeitung konkreter Lösungen zur Bewältigung komplexer Herausforderungen bei. Letztere haben sich gerade in jüngster Vergangenheit aufgrund sicherheitspolitischer, gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen stark erweitert. Das neue Forschungsprogramm der Bundesregierung ab 2017 muss diesen Veränderungen strukturell und inhaltlich zusätzlich Rechnung tragen.
 

Herausgeber

Prof. Dr.-Ing. Reimund Neugebauer (Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft)
Prof. Dr.-Ing. Jürgen Beyerer (Vorsitzender des Fraunhofer-Verbunds Verteidigungs- und Sicherheitsforschung)
Prof. Dr. Peter Martini (Stellvertretender Vorsitzender des Fraunhofer-Verbunds Verteidigungs- und Sicherheitsforschung) 

Die aus Sicht der Fraunhofer-Gesellschaft dafür notwendigen Leitlinien sind:

Sicherheit – Resilienz – Nachhaltigkeit

Durch das Konzept der Resilienz wird im Sinne einer konsequenten Weiterentwicklung der Sicherheitsforschung die Verknüpfung zwischen Sicherheit und Nachhaltigkeit geschaffen. Das bedeutet für die Zukunft: Alle gesellschaftlich relevanten Systeme als Ganzes werden resilient, also widerstandsfähig, robust, lern- und anpassungsfähig sein müssen. 

Starke Forschungsstandorte strukturell fördern

Mittlerweile haben sich in Deutschland exzellente Forschungsstandorte und
-organisationsformen mit ausgeprägten Profilen und interdisziplinären Arbeitsgruppen etabliert. Im Sinne einer Exzellenzförderung gilt es, etablierte und neue Standorte durch spezielle Formate auch strukturell zu unterstützen, um Spitzenforschung auszubauen und dauerhaft zu sichern. 

An internationale Flaggschiff-Initiativen anknüpfen

Parallel zu nationalen Anstrengungen wurden in Europa und weltweit wegweisende Initiativen, Projekte und Netzwerke etabliert. Um die Stärke des Forschungs- und Innovationsstandorts Deutschland zu erhalten und auszubauen, müssen der Anschluss an diese Entwicklungen und internationale Vernetzungsaktivitäten noch stärker unterstützt werden. 

Technologische Durchbrüche ermöglichen

Die Optimierung und Weiterentwicklung von Technologien und Konzepten für unterschiedliche Endnutzer sind wichtig und richtig. Dennoch braucht es daneben auch Förderformate, die bahnbrechende Technologieentwicklungen ermöglichen.

Stärkung der gesamten Hightech-Strategie durch Sicherheitsforschung

Wichtige Schnittstellen zwischen anderen Themenfeldern und dem Thema Sicherheit, wie Energiewende und Sicherheit, Mobilität und Sicherheit, digitale Wirtschaft und Sicherheit, bedürfen spezieller Förderung, um die Souveränität in Schlüsseltechnologiebereichen zu halten und auszubauen. 

Fähigkeiten gezielt entwickeln

Sicherheitsforschung muss am operationellen Bedarf orientiert sein, um Innovationen hervorbringen zu können. Dies kann nur gewährleistet werden, wenn die Bedarfe der unterschiedlichen Nutzer in standardisierter Weise analysiert und Lösungen in engster Abstimmung mit dem Endnutzer entwickelt und getestet werden. Hier muss eine stärkere Integration von operationellem Bereich und analytischer Forschungsplanung durch entsprechende Kooperationsmodelle gefördert werden. 

Empfehlungen für das neue zivile Sicherheitsforschungsprogramm 2017+

Aus Sicht der Fraunhofer-Gesellschaft als einem der größten Player im Bereich der Zivilen Sicherheitsforschung sollte das neue Forschungsprogramm folgende Themenschwerpunkte enthalten:

Sicherheit und Resilienz kritischer Infrastruktursysteme

  • Verwundbarkeit und Vernetzung von Versorgungsinfrastrukturen verstehen, modellieren und potenziell widrige Ereignisse simulieren, um Risiken besser zu verstehen und auf dieser Grundlage die Sicherheit und die Resilienz ausbauen zu können.
  • Anpassungs- und Lernfähigkeit sowie Schutz technischer und organisatorischer Systeme durch neue ingenieurtechnische sowie organisatorische Lösungen sicherstellen.
     

Systemtheorie für die Sicherheit

  • Entwicklung einer mathematisch formulierten, disziplin-übergreifenden Querschnittstheorie der Sicherheit mithilfe der Zusammenführung von Ansätzen aus verschiedenen Domänen wie der Informatik, System- und Spieltheorie u. v. m., um technologie- und disziplinübergreifend Sicherheitssysteme analysieren, entwickeln und optimieren zu können.
  • Mithilfe neuer theoretischer Ansätze die Quantifizierung von Risiko, Verwundbarkeit, Robustheit, Zuverlässigkeit und Resilienz verbessern.
  • Grundlagen sicherer IT-Systeme: Programmierkonzepte
    für hochsichere IT-Systeme in besonderen Anwendungsumgebungen (kritische Infrastrukturen) sowie Erfor-
    schung menschlicher Faktoren bei der Gestaltung sicherer IT-Systeme zur Identifikation und Vermeidung von Fehlerquellen.

Cybersicherheit und Cyberresilienz

  • Risiken hoch vernetzter, automatisierter Systeme (Industrie 4.0, Mobilität, Energieversorgung etc.) verstehen und quantifizieren.
  • Schutzmaßnahmen entwickeln, die unabhängig von konkreten Angriffsszenarien wirksam sind.
     

Kriminalitätsbekämpfung und Terrorismusabwehr

  • Bedrohungsszenarien analysieren und modellieren, um daraus effektive Methoden und Technologien zur Früherkennung, zum Schutz und zur Abwehr ableiten und entwickeln zu können.
  • Verfahren zur Unterstützung des (nationalen und EU-weiten) Informationsaustauschs zwischen Sicherheitsbehörden weiterentwickeln.
     

Resilience Engineering als Perspektiverweiterung der Ingenieurwissenschaften

  • Entwicklung neuer Methoden und Ansätze, um ein resilientes Systemdesign sicherzustellen.
  • Entwicklung neuer akademischer Ausbildungsprogramme für zukünftige Ingenieure, die wissenschaftliche Grundlagen ebenso betrachten wie Themen der Vorausschau und Forschungsplanung.
     

Integrierte sozioökonomische und soziotechnologische Forschung

  • Empirische Forschung zum Thema Wahrnehmungsverschiebung von allgemeinen sozialen Ängsten auf Sicherheitsthemen; gefühltes subjektives Risiko vs. objektivwissenschaftlich vorliegendes Risiko; German Angst.
  • Gesellschaftliche Auswirkungen zunehmender informationstechnischer Überwachung – Risiken und Gefahren für demokratische Systeme.
  • Rechtliche und regulatorische Aspekte: Analyse des bestehenden regulatorischen Rahmens mit dem Ziel, rechtliche Hemmnisse bezüglich der Umsetzung systemischer und resilienzsteigernder Lösungen zu identifizieren und Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung der Regulation abzuleiten (Regulation for Resilience).