3 | 26 als mit Bäumen oder Gräsern. Ihre Zellwände bestehen unter anderem aus Chitin, demselben stabilen Material, aus dem auch Insektenpanzer gemacht sind – das macht ihr Geflecht von Natur aus robust. Verwendet werden vor allem holzabbauende Arten, umgangssprachlich Baum- pilze genannt, die mit einem ganzen Arsenal an Enzymen Lignin und Zellulose zersetzen können: der Glänzende Lackporling, wissenschaftlich Ganoderma lucidum, ge- schätzt für seine besonders stabile, dichte Myzelstruk- tur. Oder der schnell wachsende Austernseitling sowie der Zunderschwamm, der einst als Zunder für Feuerstein diente und heute für seine widerstandsfähige, lederarti- ge Struktur bekannt ist. »Diese Pilze haben in Jahrmillionen ge- lernt, alle möglichen Substrate als Nahrungsquelle für sich zu verwenden«, sagt Vieres. »Wir nutzen im Grunde nur, was sie ohnehin am besten können.« Wo andere Menschen im Wald nach Speisepilzen suchen, sammelt die Biologin deshalb Inspiration für neue Materialien: Sie krieche gern in Gebüsche, um seltene Baum- pilze zu fotografieren, erzählt sie, und schließt im kommenden Jahr ihre Weiterbildung zur Fachberaterin für Mykologie ab. Vieres lacht: »Mein Freun- deskreis wundert sich schon lange nicht mehr darüber.« Welcher Pilz zum Einsatz kommt, hängt immer von der gewünschten Anwendung ab: Soll das Material be- sonders stabil sein, besonders leicht, oder soll es vor allem schnell fertig werden? Manche Arten durchwachsen ein Substrat in wenigen Tagen, andere brauchen Wochen, bilden dafür aber ein dichteres, belastbareres Netzwerk. Diese Vielfalt macht Pilze zu einem erstaunlich anpas- sungsfähigen Baustoff-Baukasten – je nach Art, Substrat und Wachstumsbedingung entstehen ganz unterschied- liche Materialien aus ein und demselben Grundprinzip. hofer UMSICHT in der Abteilung Nachhaltigkeit und Par- tizipation. Aus dieser Nische ist ein eigenständiges, ernst zu nehmendes Forschungsfeld geworden. Lina Vieres war von Anfang an dabei: Ihre Bachelor- arbeit widmete sie der Nutzung von Myzel als Wärme- dämmung. Zu diesem Zeitpunkt gab es kaum wissenschaft- liche Literatur zum Thema, sie musste sich vieles selbst erarbeiten. Heute sind es Hunderte Publikationen – ein Beleg dafür, wie schnell sich das Forschungsfeld weltweit entwickelt hat. Auch Vieres` eigene Position hat sich seit- her verschoben: Die Forscherin wechselte von der Gruppe »Nutzerzentrierte Technikgestaltung« in die Gruppe »Buil- ding Materials« – ein kleiner orga- nisatorischer Schritt, der die neue, deutlich technischere Ausrichtung der Fungi-Forschung widerspiegelt. Mit dem Wachstum kam auch eine strukturelle Veränderung: Der praktische Fertigungsbereich, das eigentliche FabLab, wurde zum Fraunhofer UMSICHT nach Ober- hausen verlagert. Im Dortmunder Labor arbeiten seither zwei Perso- nen an vorderster Front: Lina Vie- res und die studentische Hilfskraft Jasper Albin. Klingt nach wenig für ein Forschungsfeld mit so viel Zukunftspotenzial, doch im Hintergrund er- gänzt ein großes Netzwerk das Kernteam. Der ganze Wis- senschaftsbereich wird von der Gruppe Building Mate- rials getragen, darunter eine Designerin, ein Techniker, ein Laborant, ein Materialwissenschaftler und ein Che- mieingenieur. Und auch das zentrale Forschungsmanage- ment des Instituts unterstützt rund um Transferfrage- stellungen und Industriekontakte. Für Analytik, Funktionalisierung und Formenbau kann Vieres auf die Werkstätten und Labore am Standort Oberhausen zurück- greifen: Dort werden Abbaubarkeit, Brandschutzverhalten, Wärmeleitfähigkeit sowie Zug- und Druckfestigkeit der Materialien geprüft, ebenso deren Ökobilanz. Ihre Vielfalt macht Pilze zu einem erstaunlich anpassungsfähigen Baustoff-Baukasten. Vom Mitmachlabor zur Forschungsinnovation Dass in Dortmund überhaupt an Pilzwerkstoffen ge- forscht wird, war nicht von Anfang an geplant. Das heu- tige FungiFacturing®Lab ist aus der »Dezentrale« hervor- gegangen, einem offenen Mitmachlabor in Dortmund, organisiert vom Fraunhofer UMSICHT im Projekt LUZI »Labor für Zukunftsfragen«, in dem Menschen mit ganz unterschiedlichen Ideen an eigenen Projekten arbeiten konnten – von der Elektrowerkstatt über Lasercutter und 3D-Drucker bis zu einem kleinen Bio-Bereich. Pilze waren dort zunächst nur eine von vielen Nischen, eingebracht von einer Kollegin aus dem Designbereich: Julia Krayer, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Fraun- Die Fraunhofer-Institute, die schon länger im Bereich Myzelmaterial-Forschung unterwegs sind, beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Gesichtspunkten und Fachrichtungen. »Es wäre wünschenswert, ein Fraunho- fer-Netzwerk zu bilden, um das wissenschaftliche Arbei- ten an Myzelmaterial gemeinsam etwa mithilfe einer Förderung zu pushen und die Kompetenzen zu bündeln«, sagt Vieres. »Myzel als Dämmstoff wurde beispielsweise bereits in dem Fraunhofer-Gesellschaft-Leitprojekt ›Bau DNS‹ bearbeitet.« Das hierbei entstandene, vom Fraun- hofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE entwickelte und vom Fraunhofer UMSICHT mit Myzel und Hanf ge- dämmte Solar-Fassadenmodul hatte auf der BAU 2025 in München großen Anklang gefunden. 36