Warum nicht Antriebssysteme, Lager oder Getriebe für den Zukunftsmarkt humanoide Robotik herstellen statt für Autos? Branchengrößen wie Schaeffler oder Bosch haben den Markt bereits für sich entdeckt und sind in die Entwicklung und Produktion eingestiegen. Wie Komponentenhersteller durch die Umstellung ihrer Fertigung auf technische Bauelemente für Humanoide profitieren können, analysierte Bezold gemeinsam mit Experten des Fraunhofer IPA und der Unternehmensberatung P3, die 1996 aus dem Institut ausgegründet wurde und auf Kunden aus der Automobil- und Fertigungsindustrie spezialisiert ist. Vor Kurzem veröffentlichten sie ihre Ergebnisse in einem Whitepaper. Bezold: »Seitdem rennen uns hier interessierte Firmen förmlich die Bude ein. Ich führe jeden Tag mehrere Gespräche.« In Workshops geben er und sein Team einen Überblick über den Markt, klären über den technologischen Stand, noch vorhandene Mängel und Engpässe auf und informieren über Kooperationsmöglichkeiten mit dem Fraunhofer IPA. Die sind vielfältig und reichen von einer Beratung darüber, wie die eigenen Produkte verändert werden müssen, um für den Robotik-Markt attraktiv zu sein, bis hin zur Integration und Testung von Komponenten in den institutseigenen Humanoiden sowie gemeinsamen Forschungsprojekten.
Gefragt sind vor allem Antriebe, die energieeffizient, klein und leicht sind, dabei trotzdem leistungsstark und robust. 30 bis 50 Elektromotoren sind in der Regel in einem Humanoiden verbaut, um ihm eine menschenähnliche Beweglichkeit zu ermöglichen – Hände ausgenommen. Dabei müssen die Motoren wie Muskeln im Körper an unterschiedliche Anforderungen und Bauräume angepasst sein. Beine und Hüfte brauchen beispielsweise viel Kraft, um das Körpergewicht zu tragen und das Gleichgewicht zu halten. Für die Feinmotorik reichen hingegen weniger leistungsstarke Motoren, die dafür aber eine sehr genaue Positionierung ermöglichen und besonders kompakt sein müssen. Tests mit humanoiden Robotern am Fraunhofer IPA zeigen, dass aktuelle Antriebssysteme erheblich unter Verschleiß, ineffizienter Energienutzung und Wärmeentwicklung leiden. Frey erklärt: »Die Motoren werden sehr heiß, weil sie je nach Körperhaltung und Anwendung hohe Kräfte auf engem Raum erzeugen müssen. Sie arbeiten ständig gegen die Schwerkraft, müssen das Gewicht des Roboters ausbalancieren. Dadurch entstehen hohe elektrische Ströme und viel Wärme.« Dabei bleibe nur wenig Platz für Kühlsysteme – eine von vielen Herausforderungen.
Dr. Florian Weißhardt: »Die Nachfrage nach Antrieben für Humanoide ist in den vergangenen Monaten bei uns explodiert.« Der Robotik-Ingenieur und Head of Intelligence beim Motion-Control-Spezialisten Synapticon in Schönaich bei Stuttgart entwickelt gemeinsam mit dem Fraunhofer-IPA-Team Aktoren für Humanoide, die nicht nur den technischen Anforderungen gerecht werden, sondern auch eine sichere Zusammenarbeit mit Menschen ermöglichen sollen. Frey: »So ein Roboter kollabiert ja, wenn man den Strom abschaltet. Dann fällt er unkontrolliert zu Boden und geht kaputt oder er stürzt im schlimmsten Fall auf einen Menschen und verletzt ihn.« Ein »Not-Aus«, also ein Unterbrechen der Energieversorgung, wie es bei festinstallierten Industrierobotern im Störfall üblich ist, ist daher keine Option.