Sprengstoffdetektion im Meer

Explosives Erbe der Weltkriege: Altmunition bedroht Nord- und Ostsee

Die rostigen Masten der »Richard Montgomery« ragen vor dem britischen Küstenörtchen Sheerness hoch aus dem Wasser. In einem Sturm war der US-amerikanische Munitionsfrachter 1944 in der Themsemündung auf eine Sandbank gelaufen und auseinandergebrochen. Seine Fracht ist bis heute größtenteils nicht geborgen: etwa 9000 Sprengkörper, darunter mehr als 2500 Streubomben – und 286 sogenannte Blockbuster-Bomben, die mehrere Tonnen schwer sein können. 

In Sheerness wird sichtbar, was normalerweise unter der Wasseroberfläche verborgen bleibt. Auf dem Grund der Ost- und Nordsee verrotten rund 1,6 Millionen Tonnen Altmunition, versteckt in Wracks oder unter Schlick, zu Haufen aufgetürmt oder einzeln auf dem Meeresboden verstreut. Das explosive Erbe aus zwei Weltkriegen bedroht nicht nur das maritime Ökosystem, sondern auch Menschen und Infrastruktur. Die Bergung wird immer schwieriger, weil die Munitionshüllen verrosten und brüchig werden. Giftige Substanzen und teils krebserregende Stoffe treten aus, darunter TNT, Senfgas, weißer Phosphor oder Quecksilber.

Doch bevor die tickenden Zeitbomben aus dem Wasser geholt und entsorgt werden können, muss man sie erst mal finden. Smarte Sensoriken sollen den Meeresgrund möglichst schnell durchsuchen und Munition mit einer hohen Genauigkeit identifizieren. Wenn sich ihre schützende Ummantelung erst einmal vollständig zersetzt hat, ist es kaum noch möglich, Granaten, Minen und Co aufzuspüren. Experte Sascha Krohmann warnt: »Wir müssen die Suche dringend effizienter gestalten, indem wir die Flächenleistung deutlich steigern, also mehr Fläche pro Zeit erfassen.«

Verrostete Bodenmine auf dem Meeresgrund
© Geomar
Viele Kampfmittel wie diese Bodenmine landeten nicht in den von den Alliierten ausgewiesenen Verklappungsgebieten. Die »Entsorger« öffneten die Luken oft bereits auf halber Strecke, denn sie wollten ihre gefährliche Last möglichst schnell loswerden und wurden pro Fuhre bezahlt.

Digital Ocean Lab: Einzigartiges Testfeld für Unterwasser-Sensorik

Der Marine-Ingenieur leitet das etwa 1000 Fußballfelder große »Digital Ocean Lab«, ein einzigartiges Unterwassertestfeld des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD, gelegen in der Ostsee vor der Küste von Nienhagen bei Rostock. Hier erproben Sensorhersteller, Forschungseinrichtungen und Bergungsunternehmen ihre neuesten Technologien und die Einsatzfähigkeit ihrer Systeme unter Wasser. Dafür stehen zwei sogenannte UXO-Gärten bereit, einer küstennah, einer in tieferem Gewässer. UXO steht für »Unexploded Ordnance«, also nicht explodierte Kampfmittel. Auf und im Meeresboden verteilt liegen hier Munitionsattrappen, aber auch echte entschärfte Bomben oder Minen, die das Fraunhofer IGD von Munitionsräumungsdiensten und der Bundeswehr zur Verfügung gestellt bekommen hat. Störobjekte sollen das Gelände möglichst realitätsnah gestalten und die getesteten Sensoren zusätzlich herausfordern. Krohmann und sein Team stellen verschiedene Unterwasserfahrzeuge, Tauchroboter und von Schiffen geschleppte Geräteträger bereit, in die sie die Sensoriken integrieren. Krohmann: »Wir unterstützen mit unserer Infrastruktur und unserem Know-how, damit die Systeme möglichst schnell im Wasser getestet werden können. Das spart Zeit und Geld.«

Im Digital Ocean Lab arbeiten Branchenführer, Forschende und Innovatoren zusammen, um maritime Technologien der nächsten Generation zu testen, zu verfeinern und einzusetzen. Ob KI-gesteuerte Umweltüberwachung, Inspektion von Offshore-Infrastruktur oder die Entwicklung hochmoderner Sensoren – das Digital Ocean Lab bietet ideale Bedingungen, um die Lücke zwischen Forschung und praktischer Umsetzung zu schließen.

Intelligente Unterwasser-Robotik: Der Manta-Rochen auf Bombensuche

Sein eigenes Gefährt zur Erprobung mitgebracht hatte das »Bionic RoboSkin«-Team. Die Forscherinnen und Forscher des Fraunhofer-Instituts für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM testeten gemeinsam mit ihren Projektpartnern, dem Robotik-Unternehmen EvoLogics und dem Bergungsbetrieb Baltic Diver, einen flexiblen, autonomen Unterwasserroboter, der aussieht wie ein Manta-Rochen und sich auch so bewegt. Mit seinen breiten Flügelflächen gleitet er über den Meeresboden. Darin integriert ist eine stark miniaturisierte, druckbeständige Sensorik aus dem Fraunhofer IZM, die eine Kartographierung des Geländes erlaubt und Metall aufspüren kann. Marcus Voitel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IZM: »Das Prinzip ist das gleiche wie bei einem Metalldetektor, den man für die Suche nach vergrabenen Münzen nutzt.« Die Sensoren detektieren im Schlamm verborgene Objekte bis zu einer Tiefe von 50 Zentimetern. Die Module sitzen wie Knöpfe auf den Flügeln des robotischen Manta-Rochens, jeder umgeben von einem kleinen Gehäuse. Sie sind flexibel austauschbar, je nach gewünschter Mess-Funktionalität.

Seine Wendigkeit ermöglicht es dem Manta-Rochen, auch enge und schwer erreichbare Stellen zu erkunden. Mit einem ganzen Schwarm könnte der Meeresboden großflächig autonom gescannt und ferromagnetische Objekte aufgespürt werden. »Dann weiß man allerdings noch nicht: Hat da jemand seinen alten Eisenträger entsorgt oder liegt dort tatsächlich Munition?«, bemerkt Voitels Kollege Karl-Friedrich Becker. »So hat man aber zumindest einen Anhaltspunkt, wo man suchen sollte. Um ein besseres Lagebild zu bekommen, müssen weitere Datenquellen und Technologien hinzugezogen werden.«

Datenschutz und Datenverarbeitung

Wir setzen zum Einbinden von Videos den Anbieter YouTube ein. Wie die meisten Websites verwendet YouTube Cookies, um Informationen über die Besucher ihrer Internetseite zu sammeln. Wenn Sie das Video starten, könnte dies Datenverarbeitungsvorgänge auslösen. Darauf haben wir keinen Einfluss. Weitere Informationen über Datenschutz bei YouTube finden Sie in deren Datenschutzerklärung unter: https://policies.google.com/privacy

Über die komplette Flügelspannweite von rund zweieinhalb Metern vollgepackt mit Sensormodulen aus dem Fraunhofer IZM: der robotische Manta-Rochen.

© EvoLogics GmbH 

Elektrochemische Sensorik: Sprengstoffe im Meer zuverlässig nachweisen

Zum Beispiel innovative elektrochemische Sensoren aus dem Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT in Pfinztal bei Karlsruhe. Sebastian Geiger, Sensorsystemtechniker: »Ich vergleiche unser System gerne mit einem Spürhund, der unter Wasser Sprengstoff erschnüffeln kann.« Ein verdächtiger Fund ließe sich so schnell überprüfen. Die elektrochemische Nase ist zurzeit noch auf einem Rover montiert, einem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug. Sie kann aber auch auf autonomen Tauchrobotern wie dem Manta-Rochen angebracht werden und dort die vorhandene Sensorik ergänzen. Um möglichst viel davon auf einem Trägersystem unterbringen zu können, muss sie so klein wie möglich sein – und dennoch äußerst robust. Geiger: »Unter Wasser haben wir ähnlich große Anforderungen an die Sensorik wie im Weltraum, vielleicht sogar noch größere.« Salzwasser ist korrosiv, darin schwimmen Schwebstoffe, die die Elektrodenoberflächen verschmutzen und Leitungen verstopfen können, es gibt zum Teil starke Strömungen, die Druck- und Temperaturschwankungen sind hoch.

 

Unterwasser-Sensoren im Härtetest: Salzwasser, Strömung und hoher Druck

Trotzdem konnte das Sensorsystem aus dem Fraunhofer ICT im Praxistest in der Kieler Bucht überzeugen. Hier, nur zwei Kilometer vom Badestrand des Ostsee-Erholungsgebietes Heidkate entfernt, beginnt eines der größten offiziell ausgewiesenen Munitionsversenkungsgebiete. In der »Kolberger Heide« wurden nach dem Zweiten Weltkrieg massenweise Minen, Granaten, Bomben und Kleinmunition entsorgt – die deutschen Waffenbestände sollten möglichst schnell und irreversibel unbrauchbar gemacht werden. Geiger berichtet: »Der Meeresboden ist über etwa 1200 Hektar mit Munition verseucht.« Mit ihrem Rover steuerten die Forschenden im Sperrgebiet systematisch Minen an. Dabei sei wichtig, so Geiger, dass sich die elektrochemische Nase, die vorne am Unterwasserfahrzeug installiert ist, gegen die Strömung dem Zielobjekt nähert. »Ein Spürhund riecht ja auch am besten, wenn der Geruch mit dem Wind an ihn herangetragen wird.«
 

Sprengstoffdetektion: TNT, RDX und HMX im Wasser erkennen

Für die chemische Analyse nutzen Geiger und sein Team die Methode der zyklischen Voltammetrie. Geiger: »Viele Stoffe haben ihren eigenen elektrochemischen Fingerabdruck. Mit der zyklischen Voltammetrie kann man ihn lesen.« Dafür legen die Forschenden an die Wasserprobe, die automatisch in den Sensorkopf gepumpt wird, eine sich stetig verändernde elektrische Spannung an und messen gleichzeitig hochgenau den Strom. Chemische Substanzen können durch elektrische Spannungen dazu gebracht werden, Elektronen abzugeben oder aufzunehmen. Je mehr Elektronen hin- und herwandern, desto stärker der Strom. Die gemessene Strom-Spannungs-Kurve ist für den Stoff charakteristisch.

Die elektrochemische Nase detektiert TNT und andere bekannte militärische Hochleistungssprengstoffe wie RDX oder HMX bis zu wenigen Mikrogramm pro Liter. Das Gerät kann über zwölf Stunden etwa alle fünf Minuten eine Probe nehmen, ohne zwischendurch auftauchen zu müssen. Geiger: »Damit wäre es also möglich, größere Gebiete unter Wasser abzufahren und an verschiedenen Messpunkten zu kontrollieren.« Zurzeit arbeitet das Forschungsteam daran, die Sensitivität der Sensorik weiter zu steigern.
 

Warum Sonar bei der Suche nach Altmunition unverzichtbar ist

Allerdings kann der elektrochemische Spürhund nur dann anschlagen, wenn die Sprengstoffe bereits entweichen und im Wasser auffindbar sind. Geiger: »Es ist wie beim menschlichen Körper: Man braucht nicht nur den Geruchssinn, sondern weitere Sinne wie beispielsweise das Gehör, also Sonar, um die Situation besser zu erfassen.«

Sascha Krohmann, Fraunhofer IGD, ergänzt: »Die Schallwellen eines Sonars werden im Wasser sehr gut transportiert. Wenn sie stark genug sind, können sie sogar in den Boden eindringen.« Treffen sie dabei auf Objekte, werden die akustischen Wellen reflektiert und mit Unterwassermikrofonen, sogenannten Hydrofonen, wieder aufgefangen. Anhand der Stärke und der Form des Echos lassen sich je nach verwendeter Frequenz Lage, Material, Größe oder Oberflächenstruktur des Objekts ableiten.

Zurzeit testen Krohmann und sein Team gemeinsam mit dänischen Partnern unter anderem ein extrem leistungsstarkes Seitensichtsonar – dieses Mal nicht in den UXO-Gärten, sondern vor der dänischen Küste. Es ist in einem innovativen Gerät mit zahlreichen anderen Sensoren verbaut, das von einem Spezialschiff über den Meeresboden geschleppt wird. Krohmann: »Mit diesem Sonar schaffen wir es, vom Schiff aus zu jeder Seite rund 200 Meter hochauflösend zu gucken – doppelt so weit wie mit herkömmlichen Geräten.« Kombiniert wird es mit einem Multibeam-Echolot, mit dem die Forschenden vor jeder Suchaktion den Meeresboden großflächig kartieren und bereits grob größere Objekte und Hügel im Sediment erkennen können. Das Subbottom-Sonar ermöglicht schließlich den Blick in den Boden – ebenso wie ein Magnetometer, das die Sonar-Systeme ergänzt, weil es magnetische Objekte auch hinter Hangkanten oder in trübem Wasser entdeckt, wo Sonarbilder oft schwer interpretierbar sind.

 

Künstliche Intelligenz in der Munitionsräumung: Kampfmittel automatisch klassifizieren

Krohmann: »All diese Daten, die wir hier sammeln und auch schon bei uns in den UXO-Gärten gesammelt haben, wollen wir zusammenführen und auswerten, um die Anzahl der verdächtigen Objekte bestmöglich einzugrenzen.« Helfen sollen dabei KI-gestützte Analysetools, die in Zukunft nicht nur erkennen könnten, ob geräumt werden muss, sondern auch, um welche Art von Granate oder Mine es sich handelt, wie stark sie beschädigt ist, oder ob sie noch detonieren kann. Von rund 20 Prozent der Munitionsaltlasten konnten Krohmann und sein Team bereits 3D-Bilder erstellen, mit denen sie ihre KI-Modelle trainieren. Die Bilder zeigen auch, wie sich die Munition verändert, wenn sie korrodiert oder bereits Teile fehlen. Krohmann: »Je mehr Daten wir haben, desto treffsicherer werden wir – und desto schneller können wir unsere Meere von den giftigen und gefährlichen Altlasten befreien.«     

© Bundesumweltministerium 2024
Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee: Ursprung und Ausmaß: Der Großteil der konventionellen Munitionsaltlasten wurde im Rahmen der Entwaffung von Deutschland durch die Allierten nach 1945 in "Munitionsversenkungsgebieten" von Nord- und Ostsee versenkt. Munitionsarten: Bomben, Minen, Granaten, Patronen, Raketen, Wasserbomben, Munitionskisten. Ursprung: Versenkung, Luftangriffe, Minenfelder, Kampfhandlungen. Ausmaß: In der Nordsee liegen 1,3 Millionen Tonnen Munitionsaltlasten, während in der Ostsee 300.000 Tonnen liegen. Mit der gesamten Munition ließe sich ein circa 1.000 Kilometer langer Zug befüllen.
Sascha Krohmann

Contact Press / Media

Sascha Krohmann

Leiter Digital Ocean Lab

Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD
Alter Hafen Süd 6
18069 Rostock

Contact Press / Media

Daniela Welling

Leiterin Unternehmenskommunikation

Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD
Fraunhoferstr. 5
64283 Darmstadt

Telefon +49 6151 155-146

Susann Thoma

Contact Press / Media

Susann Thoma

Presse & Öffentlichkeitsarbeit

Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM
Gustav-Meyer-Allee 25
13355 Berlin

Telefon +49 30 46403-745

Contact Press / Media

Dr. Stefan Tröster

PR-Beauftragter

Fraunhofer Institute for Chemical Technology
Joseph-von-Fraunhofer-Straße 7
76327 Pfinztal

Telefon +49 721 4640-392