»Wenn einem schwindlig wird, träumt man groß genug« Dr. Amelie Reigl im Interview

Amelie Reigl ist Biologin, Gründerin von TigerShark Science, als »diewissenschaftlerin« eine Social-Media-Berühmtheit und Alumna des Fraunhofer ISC. Mit revolutionären Hautmodellen will sie bessere Forschung ermöglichen und Tierversuche reduzieren.

Dr. Amelie Reigl
Dr. Amelie Reigl

Mit dem Biotech-Start-up TigerShark Science entwickelt Amelie Reigl realistische Hautmodelle. Die frisch gebackene Doktorin und Alumna des Fraunhofer ISC hat mit dieser Gründung mehrere Wettbewerbe gewonnen, darunter den Bayerischen Gründerpreis. Als Wissenschaftskommunikatorin bringt sie als »diewissenschaftlerin« über Social Media mehreren Hunderttausend Followern Wissenschaft und das Leben einer Forscherin nahe. Sie plant außerdem ein gläsernes Labor in Würzburg und machte als Kandidatin im Miss-Germany-Wettbewerb auf das Start-up aufmerksam. In unserer Interview-Reihe »10 Jahre – 10 Köpfe« anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Fraunhofer-Alumni e. V. spricht sie über große Visionen, ihren Weg in die Gründung und was starke Netzwerke bewegen können.

 

Frau Reigl, was ist der große Traum hinter Ihren Projekten?

Ich möchte mit TigerShark Science Forschung betreiben und sie zugleich nach außen tragen. Wissenschaft betrifft uns alle, aber viele erfahren kaum, wie sie entsteht und wer die Personen dahinter sind.

Mit unseren Hautmodellen wollen wir bessere Forschung ermöglichen und Tierversuche reduzieren. Zugleich geben wir Einblicke in Experimente, Rückschläge und nächste Schritte.

Die Idee des »Gläsernen Labors« wäre die räumliche Fortsetzung meiner Social-Media-Arbeit: ein Standort mit Schaufenster in Würzburg, an dem Menschen Wissenschaft im Alltag begegnen können – etwa über Livestreams, Schulklassenbesuche oder Veranstaltungen.

Was ist die Technologie von Tiger Shark Science?

Wir entwickeln Hautmodelle, die der menschlichen Haut deutlich näherkommen als viele der heute verwendeten Modelle. Das klingt zunächst unspektakulär, ist aber für die Forschung ein großes Problem: Viele Tests liefern im Labor gute Ergebnisse, die sich später am Menschen nicht bestätigen.

Deshalb arbeiten wir mit dreidimensionalen Hautmodellen mit funktionellen Haaren. Unser Ziel ist es, Forschungsergebnisse zuverlässiger zu machen und Tierversuche dort zu ersetzen, wo sie nicht mehr nötig sind.

Unser Haarwachstums-Assay bleibt über vier Wochen stabil. Das ermöglicht Langzeitstudien und Mehrfachdosierungen, die bisher oft schwierig waren.

Davon profitieren unterschiedliche Branchen: Kosmetikunternehmen können die Wirksamkeit ihrer Produkte besser belegen, Pharmaunternehmen Nebenwirkungen früher erkennen und Wirkstoffkandidaten gezielter auswählen.

Langfristig denken wir noch weiter. Wir arbeiten an der Entwicklung von Modellen für Hautkrebs oder Wundheilung und wollen perspektivisch sogar Hauttransplantate ermöglichen.

Wie wurde aus der wissenschaftlichen Idee ein Unternehmen und wie kam es zu dem Namen?

Die Gründung war nicht geplant. Gemeinsam mit Prof. Dr. Florian Groeber-Becker und Dr. Dieter Groneberg entwickelte ich am Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC die wissenschaftliche Idee weiter. Im AHEAD-Programm wollten wir uns zunächst nur informieren. Das Team ermutigte uns zum Pitch und dazu, die Idee konsequent weiterzuverfolgen.

Mit 50.000 Euro Förderung konnten wir die Idee verfeinern und auf Wirtschaftlichkeit prüfen. Denn die Technologie zu beherrschen ist etwas anderes, als ein Biotech-Start-up mit Investorensuche, Businessplänen und Finanzmodellen aufzubauen.

Später folgten die zweite AHEAD-Phase sowie 1,5 Millionen Euro aus dem EXIST-Forschungstransfer. Mit dieser Unterstützung konnten wir ein Team aufbauen und die Prozesse zur Marktreife führen.

Auch der Name entstand im Rahmen des AHEAD-Programms. Unser erster war kryptisch und wurde ständig falsch ausgesprochen. Über unsere Lieblingstiere kamen wir auf Tiger und Hai, ergänzt mit dem Wissenschaftsbezug. Mit Haifischen oder Tigern haben wir nichts zu tun – aber der Name bleibt im Kopf.

Was war für Sie das Besondere am Fraunhofer-Umfeld?

Fraunhofer gab uns ein starkes Kundennetzwerk, Reputation und einen Vertrauensvorschuss. Das öffnet einem Start-up Türen, was ein großer Luxus ist.

Geprägt hat mich vor allem das angewandte Denken. Schon im ersten Praktikum nahm ich an Industriemeetings teil und erlebte, dass Forschung gemeinsam mit Kunden zu Lösungen führt.

Für die Gründung war das zentral: Ein Laborergebnis muss zuverlässig, standardisiert und gleichbleibend herstellbar sein, bevor daraus ein Produkt wird – das ist ein langer Prozess.

Hinzu kommen unkomplizierte Kooperationen mit anderen Instituten. Fraunhofer ist für mich wie ein Blumenstrauß, aus dem man die passende Blume pflücken kann.

Als »diewissenschaftlerin« sind Sie auch stark in Social Media aktiv.

Ich zeige einen realistischen Forschungsalltag – mit erfolgreichen Experimenten, aber auch mit befristeten Verträgen, Wochenendarbeit, komplizierten Anträgen und Unsicherheit.

Auch Gründung ist riskant. Trotz Auszeichnungen und Förderungen stehen wir gerade mitten in einer Finanzierungsrunde. Wenn diese nicht gelingt, kann die Reise schnell zu Ende sein. Als ich Fraunhofer verlassen habe, war für mich klar: ganz oder gar nicht. Ich wollte nicht mit einem Fuß in der Sicherheit bleiben und nur ausprobieren, wie sich das Start-up entwickelt. Natürlich war das beängstigend. Aber wenn man diesen Weg gehen will, muss man irgendwann den Sprung wagen und sich voll darauf einlassen.

Zugleich möchte ich Forschung ohne Vorwissen verständlich machen: einfach, möglichst ohne Fachbegriffe und dennoch richtig. Die Herausforderung ist, Videos zu machen, die Spaß bereiten und nebenbei Wissen vermitteln. Als Kinder waren wir alle neugierig. Dieses »Warum?« und »Wie funktioniert das?« möchte ich zurückholen.

Welche Rolle spielen Vorbilder für Sie?

Ich vergleiche mich lieber mit mir selbst. Wir starten nicht an derselben Linie. Wenn ich aber sehe, was ich vor einem oder vor zwölf Jahren gemacht habe, erkenne ich mein eigenes Wachstum.

Je größer die Träume sind, desto besser ist es. Erst wenn einem ein bisschen schwindlig wird bei dem Gedanken, dass sie wirklich in Erfüllung gehen könnten, hat man groß genug geträumt. Manchmal kommt es dann tatsächlich so, vielleicht anders als gedacht. Aber auch der Weg dahin kann sich schon lohnen.

Vorbilder sind dennoch wichtig – besonders Menschen im direkten Umfeld. Von Familie, Freundinnen oder Kolleginnen kann man Haltungen und Verhaltensweisen übernehmen und daraus etwas Eigenes bauen.

Durch »diewissenschaftlerin« habe ich gemerkt, dass auch ich ein Vorbild sein kann. Mein »Was ich kann, kannst du auch« hat junge Frauen erreicht: Manche begannen ein Biologiestudium, andere hielten dadurch weiter durch, wie ich aus Zuschriften weiß.

Solche Wissenschaftlerinnen fehlten mir früher selbst. Statt Schmink-Tutorials oder Kochtipps wollte ich auf Social Media sehen, wer forscht und woran – deshalb habe ich selbst angefangen.

Wie kamen Sie zur Biologie – und was bedeutet die Promotion für Sie?

Ich war schon immer neugierig und wollte wissen, wie Dinge funktionieren. Biologie hat sich in der Schule einfach richtig angefühlt. In der ersten Vorlesung meines Bachelorstudiums sprach mein späterer Doktorvater über Tissue Engineering, also darüber, Gewebe zu züchten. In diesem Moment dachte ich: »Das ist es! Haut züchten, wow, das will ich machen.« Danach habe ich immer wieder darauf hingearbeitet, in diesem Umfeld ein Praktikum machen zu dürfen. Aus dieser einen Vorlesung wurden später eine Masterarbeit, eine Doktorarbeit und schließlich sogar ein eigenes Start-up

Die Promotion bedeutet mir viel, auch wenn ich nicht den klassischen akademischen Weg weitergehe. Sie zeigt Expertise und dass ich ein Projekt über mehrere Jahre erfolgreich zu Ende geführt habe. Persönlich war die Verteidigung für mich ein besonderer Moment: Ich bin die Erste in meiner Familie mit Doktortitel und komme aus einer Nicht-Akademiker-Familie. Entsprechend stolz waren meine Eltern. Teilweise macht man so einen Weg auch ein bisschen für die Familie mit.

 

Welche Bedeutung haben Netzwerke auf dem Weg von der wissenschaftlichen Idee zum Start-up?

Auch der Start ins Alumni-Netzwerk war für mich sehr positiv. Beim Bayerischen Gründerpreis hat die Community geholfen, Sichtbarkeit zu schaffen und Stimmen zu mobilisieren. Da habe ich gespürt, wie wertvoll Unterstützung aus dem Netzwerk sein kann.

Aber auch darüber hinaus sind Netzwerke für Start-ups enorm wichtig: Austausch mit anderen Gründerinnen und Gründern, Sichtbarkeit, Kontakte zu potenziellen Investorinnen und Investoren oder Business Angels. Man braucht immer ein ganzes Dorf, um erfolgreich zu sein. Gerade für Ausgründungen aus Fraunhofer kann ein Alumni-Netzwerk helfen, Erfahrungen, Kontakte und Vertrauen zusammenzubringen.

Am Ende möchte ich den Prozess sichtbar machen. Nicht nur das fertige Ergebnis, sondern den Weg dahin: die Idee, die Rückschläge, die kleinen Fortschritte, die nächsten Meilensteine. Wenn Menschen sehen, wie Wissenschaft funktioniert, wie Gründung funktioniert und wie aus einer Idee langsam etwas Größeres entsteht, kann das Mut machen.

Für mich gilt auch hier: »Was ich kann, kannst du auch.« Nicht, weil jeder denselben Weg gehen muss, sondern weil Sichtbarkeit Mut machen kann. Große Träume brauchen einfach ein bisschen länger.

Zur Person

Dr. Amelie Reigl Dr. Amelie Reigl teilt ihre Erfahrungen als Wissenschaftlerin und Unternehmensgründerin auf Social Media mit Hundertausenden Followern.

Dr. Amelie Reigl ist Biologin, Unternehmerin und Wissenschaftskommunikatorin. Gemeinsam mit Prof. Dr. Florian Groeber-Becker und Dr. Dieter Groneberg entwickelte sie am Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC in Würzburg die wissenschaftliche Idee, aus der später das Fraunhofer-Spin-off TigerShark Science entstand.

Heute ist sie Mitgründerin und Geschäftsführerin des Unternehmens, das innovative Hautmodelle aus menschlichen Zellen entwickelt und damit dazu beitragen will, Forschung näher am Menschen und unabhängiger von Tierversuchen zu machen. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als Female Founder bei Miss Germany. Mit TigerShark Science gewann sie zudem den Bayerischen Gründerpreis 2026 sowie den Businessplan Wettbewerb Nordbayern 2026.

Als @diewissenschaftlerin erreicht sie auf TikTok und Instagram mehrere hunderttausend Menschen. Dort erklärt sie Forschung verständlich und alltagsnah, gibt Einblicke hinter die Kulissen wissenschaftlicher Arbeit und macht sichtbar, wie Forscherinnen und Forscher arbeiten, denken und Innovationen voranbringen.