Zivile Sicherheitsforschung

Fragen an Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Beyerer zum Thema Drohnenabwehrsysteme

Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Beyerer

Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Beyerer, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB

Drohnen über Fußballstadien, Drohnen, die auch Sprengstoff transportieren könnten, autarke Lieferdrohnen, selbst lernende Drohnenschwärme – und das Material dafür gibt's in jedem Baumarkt. Wie schätzen Sie die Gefahr eines terroristischen Anschlags mittels UAVs ein?

Die Gefahr ist jedenfalls größer, als uns lieb sein kann. Aus den Medien wissen wir, dass die Terrormiliz »Islamischer Staat« schon dutzendfach Drohnen für Anschläge eingesetzt hat. Unbekannte haben zudem erst im Januar 2018 russische Militäreinrichtungen in Syrien mit dreizehn Drohnen attackiert. Dabei kommen Systeme zum Einsatz, die als Spielzeug oder für zivile technische Anwendungen leicht beschafft werden können – grundsätzlich sind vergleichbare Angriffe also auch in anderen Ländern möglich.
 

Wieviel Entwicklungszeit braucht die Forschung für ein vernünftiges Abwehrsystem?  Ist es ein Wettlauf mit der Zeit, bis wir gegen diese Gefahr gut gerüstet sind?

Zunächst muss man unterscheiden zwischen automatischer Drohnen-Detektion sowie -Klassifikation und der aktiven Abwehr von Drohnen. Während Detektion und Klassifikation mit optischen, akustischen und radarbasierten Sensoren recht weit fortgeschritten und auch erste Systeme am Markt sind, hängt die Abwehr zum Beispiel mittels Laser, Wasserwerfer, Beschuss usw. extrem stark vom jeweiligen Kontext (Großveranstaltung, Flughafen, Feldlager etc.) und einer verantwortungsvollen Verhältnismäßigkeitsabwägung bezüglich möglicher unerwünschter Schäden ab.

Wirklich leistungsfähige Detektions- und Klassifikationssysteme könnten in ein bis zwei Jahren zur Verfügung stehen, wobei der Drohnenmarkt sehr dynamisch ist und man sich auch auf technische Überraschungen gefasst machen muss. Abwehrmaßnahmen werden, bis auf spezielle Szenarien, wohl noch längere Zeit durch Sicherheitskräfte durchgeführt werden müssen.
 

Es gibt bereits Drohnenabwehrsysteme auf dem Markt – was können diese Systeme und was nicht? Was ist der dringendste Auftrag an die Forschung?

Die Bundeswehr verfügt über geeignete Flugabwehrsysteme für größere Drohnen. Für die geschilderten terroristischen Bedrohungsszenarien mit »Mini-Drohnen« sind militärische Abwehrmaßnahmen durch Beschuss in der Regel aber ausgeschlossen. Für zivile Anwendungen gibt es Systeme auf dem Markt, die Drohnen im kleinen Umkreis von wenigen hundert Metern zuverlässig detektieren und dann Alarm schlagen können. Auf Basis dieser Warnung sind dann Sicherheitskräfte gefragt, geeignet abwehrend zu reagieren. Neben der automatischen Warnung braucht es aber kontextangemessene automatische Abwehrmaßnahmen, für die und für deren Kopplung mit Detektions- und Klassifikations- und Entscheidungsunterstützungssystemen noch Forschungsbedarf besteht. Es ist deshalb sehr hilfreich, dass das BMBF mehrere Forschungsprojekte rund um das Thema initiiert hat, und die einschlägigen Fraunhofer-Institute aus dem Verbund für Verteidigungs- und Sicherheitsforschung bringen dabei selbstverständlich engagiert ihre Kompetenzen mit ein.
 

Reichen die rechtlichen Regulierungen nicht aus, um uns zumindest vor Drohnenunfällen zu schützen bzw. was sollte der Gesetzgeber nachbessern?

Die rechtlichen Regulierungen sind passiver Art und betreffen vor allem Aspekte von Safety und Schutz von Privatheit. Um Zurechenbarkeit und Schutz auch vor absichtlichen Gefährdungen und Missbräuchen (Security) zu ermöglichen bzw. voranzubringen, brauchen wir eine elektronische Kennzeichnungspflicht und auch ein integriertes Geofencing, das das Befliegen sensibler Bereiche verhindert. Die versierte technische Manipulation solcher Systeme zur Aushebelung derartiger Vorkehrungen lässt sich aber nicht grundsätzlich ausschließen.
 

Sie befassen sich seit vielen Jahren mit den Anwendungsmöglichkeiten von Drohnen: Wo sehen Sie den größten Sprung, was machen Drohnen möglich, das bisher als undenkbar galt?

Drohnen erlauben es quasi jedem, Bilder und Videos sehr hoher Qualität aus der Vogelperspektive aufzunehmen und sogar live zum Boden zu übertragen. Das eröffnet Privatpersonen, aber auch professionellen Anwendern jede Menge neuer Möglichkeiten – ob nun in der Unterhaltungsindustrie, in der Forschung, in der Inspektion von Bauwerken oder in der Katastrophenhilfe. So lässt sich auch in menschengefährdenden Umgebungen mit kamerabestückten Drohnen schnell ein Bild der Lage gewinnen, Karten für die Koordination von Hilfseinsätzen können schnell und mit hohem Automationsgrad erstellt werden und vieles mehr.

Ein großes Potenzial ergibt sich auch für die Logistik. Vor allem bei der Auslieferung von Paketen »auf der letzten Meile« bis zum Kunden erleben wir einen radikalen Wandel, was gleichzeitig den Straßenverkehr entlasten wird. Ebenso wird die Logistik in Fabrikhallen und auf Fabrikgeländen sich mit Transportdrohnen die dritte Dimension erschließen.
 

Die vier BMBF-Förderprojekte AMBOS, ArGUS, ORAS und MIDRAS sind bis auf AMBOS, bei dem es sich um ein deutsch-österreichisches Verbundprojekt handelt, auf Deutschland beschränkt. Gibt es Kontakte zu internationalen Partnern, um voneinander zu profitieren?

Ja, die gibt es. Die Gefährdung durch kleine Drohnen besteht schließlich überall auf der Welt, deshalb wird in vielen Ländern an dem Thema gearbeitet. Wir stehen beispielsweise im Rahmen der NATO in aktivem internationalen Austausch.