ConstellR

Hilfe aus dem All#

Satelliten so klein wie ein Schuhkarton: So will ConstellR jedem Bauern ermöglichen, passgenau Wetterdaten für seine Felder abzurufen – und die Landwirtschaft klimafester zu machen.

Satelliten so klein wie ein Schuhkarton: So will ConstellR jedem Bauern ermöglichen, passgenau Wetterdaten für seine Felder abzurufen – und die Landwirtschaft klimafester zu machen.
© Fraunhofer / Jan von Holleben
Satelliten so klein wie ein Schuhkarton: So will ConstellR jedem Bauern ermöglichen, passgenau Wetterdaten für seine Felder abzurufen – und die Landwirtschaft klimafester zu machen.

Satellitenmissionen mit großem sozialen Impact: So lautete eine Ausschreibung der Euro­päischen Weltraumorganisation ESA im Jahr 2017. Diese Ausschreibung bekamen auch Marius Bierdel und sein Kollege Max Gulde vom Fraunhofer-Institut für Kurz­zeitdynamik, Ernst-Mach-Institut EMI zu Gesicht. Sie beschlossen, sich zu be­teiligen – aus Spaß. Mehr als 200 Teams reichten ihre Ideen ein, aller Konkurrenz zum Trotz schafften es Bierdel und Gulde »aufs Siegertreppchen« und ergatterten den dritten Platz. »In diesem Moment wurde uns erst so richtig klar, dass unser Ansatz tatsächlich einen signifikanten Mehrwert für die Gesellschaft hat«, er­zählt der Ingenieur. Das Team will mit seiner Technologie der Landwirtschaft zu mehr Effizienz verhelfen – und somit sowohl eine Antwort auf die Folgen des Klimawandels als auch auf die drohende Nahrungsmittelknappheit bieten.

Mehrwert für die Gesellschaft? Zweifelsohne!

Möglich machen soll es ein Messsystem, das integriert in Kleinsatelliten hochge­naue Temperaturdaten ermittelt. Klingt erst einmal lapidar, hat es aber in sich: Die Daten werden von Smart-Farming-Firmen aufbereitet und liefern dann Landwirten feldgenaue und detaillierte Informationen. Beispiel: »Sie sollten Ihre Felder heute be­wässern und morgen die Ernte einholen.« Denn aufgrund des Klimawandels wird es stets schwieriger, die Felder allein über Erfahrungswerte zu bestellen, stattdessen müssen sich die Landwirte auf Wasserman­gel und Starkwetterereignisse einstellen.

Daten dieser Art ermitteln zwar auch heutige Satelliten bereits. Doch sind diese Erdtrabanten meist so groß wie ein Bus, eine einzige Satellitenmission kostet bis zu 800 Millionen Euro. Deshalb gibt es zu wenige – über dem Feld des Landwirts zieht der Satellit nur alle paar Wochen einmal seine Bahn. »Für die Landwirtschaft sind regelmäßige Daten in einer feldgenauen Auflösung elementar«, weiß Bierdel. Eben­dies kann die neue Technologie leisten. Die beiden Forscher konnten die Messinstrumente so stark verkleinern, dass sie von Kleinsatelliten in der Größe eines Schuh­kartons getragen werden können. »Die Kos­ten sinken um den Faktor 400 – die Daten können täglich mit einer räumlichen Ge­nauigkeit von unter hundert Metern er­mittelt werden«, ist sich Bierdel sicher.

Die Frage, die sich nach der ESA-Aus­schreibung stellte: Wie lässt sich die Idee in die Praxis überführen? Hier kam den beiden Forschern Fraunhofer Venture ge­rade recht: Sie wurden ausführlich über die Accelerator-Programme, die Fraunho­fer für junge Gründer anbietet, unter an­derem über die Fraunhofer Days, kurz FDays genannt, beraten. »Die FDays waren für uns der Startschuss – die Stimmung dort hat uns komplett gefangengenommen und begeistert. Ebenso wie die Idee, ein Start-up zu gründen und eigene Entschei­dungen treffen zu können«, erzählt Bierdel. Auch personell änderten die FDays einiges: Dort lernten sie Christian Mittermaier ken­nen, der das naturwissenschaftlich gepräg­te Gründerteam mit seinem betriebswirt­schaftlichen Hintergrund ergänzte.

ConstellR-Technologie auf der Internationalen Raumstation ISS

Über eine Exist-Förderung des Bundes­ministeriums für Wirtschaft und Energie und das Fraunhofer AHEAD-Programm konnte das Gründerteam etwa zwei Mil­lionen Euro an öffentlichen Fördergeldern einwerben und die Technologie am Fraun­hofer EMI weiter vorantreiben. Im April 2020 stand die Gründung ihres Start-ups ConstellR an. Das erste Highlight für das derzeit 19-köpfige Team: Am 1. Februar 2022 wird die ConstellR-Technologie ins All befördert – und dann für vier Monate gemeinsam mit der NASA auf der Interna­tionalen Raumstation ISS betrieben. »Auf diese Weise können wir nachweisen, dass unser System im Weltall unter realen Be­dingungen funktioniert, ohne jetzt schon einen eigenen Satelliten nach oben bringen zu müssen«, freut sich Bierdel. Eigene Sa­telliten sollen im Jahr 2023 folgen – vier an der Zahl. »Damit können wir bereits zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen weltweit monitoren«, sagt Bierdel stolz.

Die Begeisterung der drei Gründer und die klare Roadmap hat auch die Investoren überzeugt. Statt zu überlegen, wie viel Geld die kleine Firma über Investoren zusam­mentragen kann, drehte das Team den Spieß auf Rat eines Fraunhofer-Mentors um und plante genau, was es zu welchem Zeitpunkt erreicht haben wollte. Hieß es in der ersten Finanzierungsrunde noch, »mehr als 500 000 Euro kann ein Start-up kaum einwerben«, hat das Team mittler­weile Investorengelder in Höhe von einer Million Euro in der Tasche. Bierdel freut sich: »Über ConstellR kann ich meinen Teil dazu beizutragen, die Herausforderungen der Nahrungsmittelknappheit, der wach­senden Weltbevölkerung und des Klima­wandels angehen zu können. Das motiviert mich unglaublich.«

 

»Darauf sind wir alle stolz«#

3x3 Fragen an Marius Bierdel, ConstellR GmbH

Wann haben Sie schlecht geschlafen?

Anfangs waren wir vier Gründer, einer ist jedoch ausgeschieden. Meine schlaflosen Nächte waren vor allem damit verbunden, dass es mit einem Teammit­glied nicht so gelaufen ist, wie wir uns das vorgestellt haben. Da eine Lösung zu finden, war wirklich heraus­fordernd.

Welcher Rat hat Ihnen geholfen?

Einen wichtigen Rat haben uns die Coaches von Fraun­hofer Venture mit auf den Weg gegeben. Wir sollten bei der Planung des Start-ups nicht mit der Brille schauen, wie viel Geld wir von Investoren bekommen könnten. Stattdessen sollten wir uns überlegen: Wo möchte ich in einem Jahr stehen? Was möchte ich erreichen? Und erst dann darüber nachdenken, wie wir das realisieren und die nötigen Ressourcen dazu an Land holen können.

Worauf sind Sie stolz?

Persönlich stolz bin ich darauf, dass die ConstellR nach einem Jahr bereits 19 Leute beschäftigt. Und auf die Firmenkultur, die geprägt ist von Feedback, Offenheit und Transparenz. Bei einem solchen Team dabei sein zu dürfen und an einer Sache zu arbeiten, die einen Mehr­wert bietet, darauf sind alle Teammitglieder stolz.