Frau Gassmann, Sie erklären mit Küchengeräten Physik und leiten heute das EXPERIMINTA ScienceCenter mit rund 200 Experimentierstationen. Verraten Sie uns Ihren Favoriten?
Tatsächlich habe ich mehrere Lieblingsexperimente. Eines davon macht Induktionsströme sichtbar: Man lässt Ringmagnete an Rohren aus Holz, Kunststoff oder Kupfer fallen und beobachtet, wie unterschiedlich schnell sie fallen. Kinder kennen Magnetismus etwa von Kühlschrankmagneten – hier entdecken sie, dass verschiedene Materialien sehr unterschiedlich auf Magnete reagieren.
Mindestens genauso spannend finde ich optische Täuschungen. Wir stellen den Kopf einer Sphinx aus, der einen beim Vorbeigehen scheinbar verfolgt. So zeigt sich eindrucksvoll, wie leicht unsere Wahrnehmung zu täuschen ist. Und ich liebe den Wassertornado, der ganz leicht zum Beispiel mithilfe von zwei miteinander verbundenen Wasserflaschen erzeugt werden kann.
Und genau solche Momente machen die EXPERIMINTA aus?
Ja, absolut. Bei uns geht es nicht darum, Dinge nur anzuschauen, sondern selbst aktiv zu werden, auszuprobieren und Zusammenhänge zu entdecken.
Forschung wird greifbar, wenn man einen Knopf drückt und dadurch einen Prozess auslöst, einen Magneten fallen lässt und selbst beobachtet, was passiert. Im besten Fall entsteht daraus dieser besondere Aha-Moment: Aus Neugier wird Erkenntnis.
Im Gespräch haben wir das augenzwinkernd »Transfer durch Knöpfe« genannt. Dahinter steckt die Idee, dass Besucherinnen und Besucher Zusammenhänge nachhaltiger verstehen, wenn sie etwas selbst auslösen und erleben.
Physik steckt für Sie also nicht nur im Labor, sondern mitten im Alltag?
Absolut. Deshalb habe ich zu einem Schulbesuch einen Löffel und eine Gabel aus meiner Küchenschublade mitgenommen. Der Löffel ist ein konkaver und konvexer Spiegel, die Gabel wurde mit einer Schnur zur improvisierten Stimmgabel.
Mir ist wichtig zu zeigen, dass interessante naturwissenschaftliche Phänomene oft direkt vor unserer Nase liegen. Man muss sie nur entdecken.
Dort beginnt für mich auch kritisches Denken: beim Beobachten, Nachfragen und dem Versuch zu verstehen, warum etwas funktioniert. Wenn eine Hypothese nicht zum Ergebnis passt, muss man prüfen, woran das liegt: Ist das Experiment fehlerhaft? Ist die Hypothese falsch? Habe ich etwas übersehen?
Das klingt einleuchtend und spannend, aber gibt es bei Mathematik, Naturwissenschaften und Technik so viele Berührungsängste?
Dafür gibt es viele Ursachen. Nicht jede Erfahrung mit Mathematik, Physik oder Chemie ist positiv, dazu kommen gesellschaftliche Bilder und Vorurteile. Dabei begegnet uns MINT überall – beim Sport, in der Musik oder beim Schachspielen.
Deshalb sind Vorbilder so entscheidend. Es macht einen Unterschied, wenn Kinder und Jugendliche Menschen erleben, die mit Begeisterung von ihrer Arbeit erzählen.
Wie wichtig ist der direkte Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft?
Wir erleben, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend hinterfragt werden. Das ist zunächst nichts Schlechtes – Wissenschaft lebt schließlich davon, dass Annahmen überprüft werden. Problematisch wird es, wenn haltlose Behauptungen denselben Stellenwert erhalten wie überprüfbare Erkenntnisse.
Wissenschaftskommunikation ist daher wichtiger denn je. Expertinnen und Experten sollten sich aktiv in Diskussionen einbringen, erklären, warum bestimmte Behauptungen falsch sind – und zugleich aushalten, dass man nicht alle überzeugen kann.
Beobachten Sie Veränderungen bei Ihrem Publikum?
Viele möchten heute weniger lesen oder gehen schneller weiter, wenn sich etwas nicht sofort erschließt. Gleichzeitig beeindruckt mich immer wieder, wie groß die Begeisterung ist, wenn jemand etwas Neues entdeckt. Wir haben jährlich rund 125 000 Besucherinnen und Besucher; besonders Familien und junge Menschen erreichen wir über Orte wie das EXPERIMINTA ScienceCenter sehr gut.
Ich erinnere mich an eine ältere Dame, die nach einem Experiment sagte: „Hätte ich das früher erlebt, wäre ich Ingenieurin geworden.“ Solche Rückmeldungen zeigen, welchen Unterschied ein einzelnes Erlebnis machen kann.
Bleiben wir bei Ihrem Antrieb: Wie kam es, dass aus einer Fraunhofer-Forscherin schließlich die Geschäftsführerin eines ScienceCenters wurde?
2022 habe ich die Stellenausschreibung für die Geschäftsführung eines Science Centers in Frankfurt gelesen. Das Haus hat einen klaren MINT-Fokus – also genau die Themen, in denen ich fachlich zu Hause bin.
Ich fragte mich: Wie oft bekommt man so eine Gelegenheit? Jetzt bin ich seit über drei Jahren hier. Der Kontakt zu Fraunhofer ist dabei nie abgerissen – es war ein Weggang, aber kein Abschied.
Es gibt also weiterhin Berührungspunkte mit Fraunhofer?
Ja, persönlich und fachlich. Gemeinsam mit ehemaligen Fraunhofer-Kolleginnen und -Kollegen haben wir etwa Projektanträge entwickelt, bei denen Forschungsergebnisse für unsere Besucherinnen und Besucher erlebbar werden sollten. Der Transfer in die Gesellschaft interessiert mich bis heute sehr.
Welche Erfahrungen aus Ihrer Fraunhofer-Zeit begleiten Sie bis heute?
Vor allem die Breite der Aufgaben. Forschung besteht nicht nur aus fachlichen Inhalten, sondern auch aus Projektmanagement, Vertragsverhandlungen, Finanzen und Zusammenarbeit. Viele Fragen lassen sich nicht allein lösen. Man braucht unterschiedliche Kompetenzen, Netzwerke und Partner. Diese Erfahrung prägt mich bis heute.
Welche Bedeutung hat das Fraunhofer-Alumni-Netzwerk für Sie persönlich?
Eine große. Natürlich pflegt man bestehende Kontakte, zugleich entstehen neue Verbindungen. Bei Alumni-Veranstaltungen treffe ich immer wieder Menschen, die ich vorher nicht kannte – und plötzlich stellt man fest, dass man einen gemeinsamen Fraunhofer-Hintergrund hat. Das erleichtert den Austausch.
Welche Rolle können Fraunhofer-Alumni für Wissenschaft und Gesellschaft spielen?
Viele Fraunhofer-Alumni bleiben in Forschung, Technologie oder innovativen Unternehmen aktiv. Sie tragen wissenschaftliches Denken in neue Bereiche hinein und erreichen dort neue Zielgruppen. Insofern bleiben sie Botschafterinnen und Botschafter der Wissenschaft – oft mit erweiterten Möglichkeiten und Perspektiven.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass wir weiterhin Menschen für Wissenschaft begeistern und kritisches Denken fördern. Gelingt es uns, Neugier zu wecken, Offenheit zu stärken und sie dazu zu bringen, Dinge zu hinterfragen, haben wir viel erreicht.