Sie haben sich früh im Kontext der Fraunhofer Alumni engagiert. Was war für Sie der entscheidende Antrieb?
Fraunhofer ist eine weltweit bekannte, sehr positiv besetzte Marke. Und vor allem ein Netzwerk aus klugen Köpfen, die etwas bewegen wollen. Entscheidend war für mich die enorme Perspektivvielfalt angewandter Forschung: Sehr unterschiedliche Kompetenzen, Themen und Blickwinkel kommen hier zusammen.
Im nächsten Karriereschritt nach Fraunhofer zeigte sich mir besonders im politischen Austausch, wie notwendig diese Art von Forschung ist – aber auch, dass sie eine Stimme braucht. Angewandte Forschung wird nicht automatisch gehört. Alumni spielen hier eine besondere Rolle: Sie wissen, wie Forschung funktioniert, und kennen zugleich die Logiken anderer Systeme wie z. B. der Wirtschaft oder der Politik. Dieses »Dolmetschen zwischen den Welten« war schon während meiner Fraunhofer-Zeit Teil meiner Aufgabe und ist bis heute ein Antrieb.
Gibt es für Sie einen typischen »Fraunhofer-Moment«?
Davon gab es viele. Besonders prägend war die Erfahrung, wie stark das Renommee von Fraunhofer nach außen wirkt. Als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler mit Fraunhofer-Hintergrund wird man in Politik, Verwaltung und Wirtschaft sehr aufmerksam wahrgenommen. Das ist ein Privileg, aber auch eine Verantwortung, fundiert und differenziert zu argumentieren und zu handeln.
Als die Enquete-Kommission »Internet und Gesellschaft« des Deutschen Bundestags eingesetzt wurde, arbeiteten wir bei Fraunhofer FOKUS – wie eben auch die Enquete-Kommission – intensiv an Fragestellungen wie Open Data und Digitalisierung des öffentlichen Sektors. Dennoch waren wir zunächst nicht Teil des politischen Dialogs. Ich suchte daraufhin gezielt den Austausch mit Abgeordneten. Auf beiden Seiten stieß das auf großes Interesse. Für uns war es wichtig zu verstehen, welche politischen Zwänge und Ziele es gibt; für die Politik wiederum, ein realistischeres Bild technischer Möglichkeiten und Grenzen zu bekommen.
Das war für mich ein sehr typischer Fraunhofer-Moment: angewandte Forschung nicht im Elfenbeinturm, sondern eingebettet in gesellschaftliche Debatten – mit dem Anspruch, Wirkung zu entfalten.
Welche Rolle spielen Alumni beim Transfer von Wissen und Innovation?
Alumni sind natürliche Brückenbauer. Viele bleiben mit ihren Instituten in Kontakt und sind später in Rollen tätig, in denen Kooperationen entstehen. Gerade dieser informelle, offene Austausch über Disziplingrenzen hinweg kann sehr wertvoll sein. Alumni-Netzwerke schaffen entsprechende Räume dafür.
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Berufswege. Fraunhofer lebt davon, dass Menschen weiterziehen – in Unternehmen, Verwaltungen oder die Zivilgesellschaft. Institutionen wie der Fraunhofer-Alumni e. V. machen diese Übergänge sichtbar, geben Orientierung und eröffnen Perspektiven. Auch das ist Transfer.
Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial für das Fraunhofer Alumni Netzwerk?
Bei meinen Aufenthalten in den USA habe ich erlebt, dass die Zugehörigkeit zu einer Alumni-Organisation sehr bewusst als Teil der eigenen Identität verstanden und kommuniziert wird. Diese Tradition lässt sich sicher nicht eins zu eins übertragen, ist aber inspirierend. Ich wünsche mir, dass es auch hier selbstverständlicher wird, zu sagen: Ich bin Fraunhofer Alumna – nicht als Qualitätslabel, sondern mit gewissem Stolz, in der Vergangenheit einen Beitrag zur Fraunhofer-Familie geleistet zu haben.
Oft zeigt sich diese Zugehörigkeit eher zufällig im Gespräch. Dann entsteht sofort Nähe und Vertrauen. Dieses verbindende Element ließe sich gezielter nutzen. Gleichzeitig muss man realistisch sein: Digitale Netzwerke leben von Aktivität. Entscheidend ist daher nicht die eine Plattform, sondern die Frage, wie Zugehörigkeit sichtbar wird und Austausch dort stattfinden kann, wo Menschen ohnehin aktiv sind.
Heute sind Sie CEO der Initiative D21. Was ist Ihr Auftrag – und wo sehen Sie die Verbindung zu Fraunhofer?
Die Initiative D21 begleitet als Multistakeholder-Netzwerk aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft seit 1999 die digitale Transformation in Deutschland. Unser Ziel ist, Spaltungen zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass möglichst alle Menschen von Digitalisierung profitieren. Wir arbeiten dafür evidenzbasiert mit unserem Netzwerk unter anderem zu Digitalkompetenzen, Verwaltungsmodernisierung und gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien, wie etwa Künstlicher Intelligenz und Robotik.
Ich sehe hier eine starke Ergänzung zu Fraunhofer: Fraunhofer denkt technologische Innovationen sehr weit voraus – wir schauen dagegen besonders darauf, was diese für Gesellschaft, Politik und wirtschaftliche Strukturen bedeuten und wo Hürden liegen, die über die Technik hinausgehen.
Welche Themen werden in den kommenden Jahren besonders prägend sein?
Neben der KI-Transformation gewinnen gesellschaftliche Fragestellungen an Bedeutung: Themen wie Desinformation, Deepfakes oder digitale Gewalt rücken digitale Resilienz in den Fokus – die Fähigkeit von Menschen und Institutionen, souverän mit digitalen Technologien und ihren Auswirkungen umzugehen.
Wissenschaft kann hier viel leisten: Sie ist faktenbasiert, überprüfbar und langfristig orientiert. Voraussetzung dafür ist jedoch Vertrauen in Wissenschaft. Dieses Vertrauen zu stärken, halte ich für eine der großen Aufgaben unserer Zeit.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Fraunhofer?
Fraunhofer steht für angewandte Forschung mit Wirkung. Diese Haltung habe ich während meiner Zeit im Institut stark erlebt. Ebenso eine Kultur von Offenheit, flachen Hierarchien und Wertschätzung guter Ideen.
Ich wünsche mir, dass dieses Selbstverständnis auch künftig klar sichtbar bleibt – intern wie extern. Gerade in Zeiten hoher öffentlicher Aufmerksamkeit ist es wichtig, wofür man steht: für Integrität, gesellschaftliche Verantwortung und lösungsorientierte Forschung. Dieser Fraunhofer-Spirit schafft Identifikation – bei denjenigen, die heute bei Fraunhofer arbeiten, ebenso wie bei allen, die dort geprägt wurden.
Zur Person
Die Politikwissenschaftlerin Lena-Sophie Müller hat sich die digitale Transformation zum Thema gemacht. Ihr besonderes Anliegen ist es, die Auswirkungen von Technologien auf die Gesellschaft aufzuzeigen und mit gemeinnützigen Projekten zu gestalten. Als CEO der Initiative D21 e. V. bringt sie Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen. Die geborene Berlinerin berät Bundesminister*innen wie etwa Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius im Digitalrat des BMVg und wirkte bis 2020 als Sachverständige der Enquete-Kommission »Künstliche Intelligenz« des Deutschen Bundestages mit. Zuvor arbeitete sie als Wissenschaftlerin am Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme FOKUS in Berlin. Dort leitete sie zahlreiche Verwaltungsmodernisierungs- und E-Government-Projekte mit der Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung sowie das Zentrum für Interoperabilität. Die Verbindung zu Fraunhofer hält sie bis heute als Mitglied des Kuratoriums ihres "Heimatinstituts" aufrecht. Zudem engagiert sie sich seit der Gründung des Fraunhofer-Alumni e. V. im Jahr 2016 — zunächst als Beirätin und seit 2024 im Vorstand des Vereins. Sie verbindet damit auf besondere Weise die Perspektiven von Forschung, Politik und Gesellschaft – und steht exemplarisch für den Transfergedanken, für den sich der Fraunhofer-Alumni e. V. einsetzt.