Herr Weidner, Sie sind seit einigen Jahren im Ruhestand. Wie haben Sie den Übergang erlebt?
Jeder Lebensabschnitt bringt Neues mit sich – Studium, Beruf, Familie. Jetzt eben der Ruhestand. Meine Frau und ich haben gleichzeitig aufgehört und gesagt: Wir müssen lernen, Rentner zu sein. Inzwischen sind wir im dritten »Lehrjahr« und genießen die Freiheit, Neues auszuprobieren – dazu zählt auch das soziale Engagement.
Wie kam es zu Ihrem Engagement für den Fraunhofer-Alumni e.V.?
Elisabeth Ewen und Prof. Wilhelm Bauer sprachen mich an, ob ich mir eine Mitarbeit im Vorstand vorstellen kann. Schon als Institutsleiter hat es mir Freude bereitet, Menschen zusammenzubringen – und genau das setze ich jetzt im Alumni-Verein fort. Der Fraunhofer-Alumni e.V. ist eine Plattform, um Kontakte zu pflegen, Wissen weiterzugeben und die Verbindung zu Fraunhofer lebendig zu halten.
Was macht den Verein besonders?
Wir bieten Formate, die man sonst kaum erlebt: Beim Alumni-Summit 2025 etwa den Besuch und einen Vortrag beim Bundesnachrichtendienst (BND), wo wir spannende Einblicke erhielten und unsere Fragen ungewöhnlich offen beantwortet wurden. Es gibt Workshops zu Cybersecurity, Vernetzung mit Fraunhofer-Expertinnen und -Experten, Alumni und Vertreterinnen und Vertretern aus der Wirtschaft bei der Innovationslounge, und natürlich viele inspirierende Vorträge und kulturelle Highlights. Das schafft echten Mehrwert. Gleichzeitig stärken wir die Verbindung zu Fraunhofer und fördern den Austausch über Institutsgrenzen hinweg.
Welche Herausforderungen sehen Sie?
Nach Corona war es nicht leicht, die gerade etablierte Alumni- Kultur wiederzubeleben. Die Mitgliederzahlen sind stabil, aber wir möchten das Netzwerk weiter ausbauen. Daher wollen wir unter anderem die Kooperation mit Alumni-Initiativen der Fraunhofer-Institute stärken. So praktizieren wir das beispielsweise bereits mit dem FpF e.V. in Stuttgart, den Ehemaligen des Fraunhofer IAO und IPA, dem Schmallenberger Kreis des Fraunhofer IML, dem AKL e.V. des Fraunhofer ILTs oder dem Ehemaligen-Verband des IGCV.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Verbund ehemaliger Vorstände und Institutsleitungen, kurz EVI. Hier etablieren wir regelmäßige Treffen – bewusst an Instituten, um die Verbundenheit zu stärken. 2025 waren wir an meiner ehemaligen Wirkungsstätte, dem Fraunhofer UMSICHT in Oberhausen, und dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML in Dortmund. Ein kulturelles Highlight war der Besuch der Ausstellung »Planet Ozean« im Gasometer. Zwei Tage voller Austausch, intensiver Gespräche und guter Stimmung haben gezeigt, wie wichtig persönliche Begegnungen sind.
Was motiviert Sie persönlich?
Bei Fraunhofer habe ich gelernt, wie stark wir sind, wenn wir Kompetenzen über Institute und Bereiche hinweg bündeln – etwa in Verbünden oder im Fraunhofer Cluster of Excellence Circular Plastics Economy CCPE. Dieses Prinzip möchte ich im Alumni-Verein fortsetzen: Netzwerke schaffen, die Spaß machen und Nutzen bringen – für die Mitglieder und für Fraunhofer.
Was war Ihr prägendstes Erlebnis bei Fraunhofer?
Besonders geprägt hat mich die Zusammenarbeit mit großartigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Teil dieser Gemeinschaft und dieser Begeisterung gewesen zu sein, empfinde ich bis heute als großes Privileg.
Was waren rückblickend für Sie die größten Erfolge als Institutsleiter?
Gemeinsam mit einem hochmotivierten und leistungsstarken Team entwickelten wir Technologien, die den Weg in eine nachhaltigere Zukunft ebnen. Dazu gehören etwa innovative Verfahren in der Ledergerbung, die den Einsatz von Chemikalien und Wasser um mehr als 90 Prozent reduzieren. Ebenso wichtig waren Fortschritte bei der Energiespeicherung, insbesondere durch die Weiterentwicklung von Redox‑Flow‑Batterien, sowie neue, kostengünstige Ansätze für Gebäudeisolierungen auf Basis von Aerogelen.
Besonders stolz bin ich auch darauf, dass wir in den vergangenen zehn Jahren – in vertrauensvoller und intensiver Zusammenarbeit mit mehr als 200 Kolleginnen und Kollegen aus zahlreichen Fraunhofer‑Instituten – grundlegende Prinzipien für einen verantwortungsvollen Umgang mit Kunststoffen erarbeiten und praktisch demonstrieren konnten. Wie solche Lösungen konkret aussehen, lässt sich inzwischen auch nachlesen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Weidner.
Zur Person
Prof. Eckhard Weidner prägte von 2004 bis 2022 als Institutsleiter das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT. Parallel hatte er den Lehrstuhl für Verfahrenstechnische Transportprozesse (VTP) an der Ruhr-Universität Bochum inne. Unter seiner Führung entstanden strategische Kooperationen und Forschungsverbünde wie der Fraunhofer Cluster of Excellence Circular Plastics Economy CCPE. Im Fraunhofer-Alumni e.V. verantwortet er als Vorstandsmitglied insbesondere die Angebote für ehemalige Vorstände und Institutsleitungen (EVI).
2008 veröffentlichte Fraunhofer UMSICHT unter seiner Leitung als erste außeruniversitäre Forschungseinrichtung in Deutschland einen Nachhaltigkeitsbericht. Zudem engagierte Weidner sich für den Deutschen Umweltpreis, war Mitglied des Lenkungskreises der Circular Economy Initiative Deutschland und Präsident des Rotary-Clubs Bochum-Hellweg. Heute ist er Vorsitzender der Jury des EXIST-Forschungstransfer-Programms und Mitglied der Jury des Start-up-Labors Schwedt. Für seine Verdienste erhielt er 2011 den Innovationspreis der Stadt Köln und 2025 das Bundesverdienstkreuz.