Was war Ihr prägendster Fraunhofer-Moment aus den frühen Jahren?
Mich hat schon sehr früh fasziniert, wie selbstverständlich bei Fraunhofer wissenschaftliche Exzellenz und industrielle Anwendung zusammentreffen. Zu erleben, wie aus einer Idee ein reales Produkt oder Verfahren wird, war für mich eine Schlüsselerfahrung. In meiner Zeit am Fraunhofer LBF habe ich gespürt, welche Kraft entsteht, wenn Forschung ganz nah an den Herausforderungen der Industrie arbeitet und wir gemeinsam Lösungen entwickeln, die geradewegs in die Anwendung gelangen. Gerade die ganz enge Einbindung des LBF in den automobil-Entwicklungsprozess und damit die hohe Relevanz und Verantwortung war für mich besonders prägend. Dieses Arbeiten an relevanten Aufgabenstellungen begleitet mich bis heute.
Warum lohnt es sich, als Alumna oder Alumnus die Verbindung zu Fraunhofer aufrechtzuerhalten?
Fraunhofer ist ein Ort, der Menschen über ihre aktive Zeit hinaus verbindet. Wer Teil dieser Gemeinschaft war, bringt eine Haltung mit, die Wirkung erzeugt: Gestaltungswille gepaart mit unternehmerischem Denken, technologischem Tiefgang und dem Anspruch, Lösungen für reale Herausforderungen zu entwickeln. Und nicht zuletzt die Besonderheit, wirtschaftliche Relevanz zu schaffen und zugleich gesellschaftlichen Mehrwert zu gestalten. Das prägt und begleitet, auch wenn sich Karrierewege verändern.
Wer das Zusammenspiel von Forschung und unternehmerischem Denken erfahren hat, kann neue Perspektiven aus Industrie, Start-up oder Politik einbringen – und Transfer aktiv gestalten.
So entsteht eine Gemeinschaft, die Brücken baut, Vertrauen schafft und Wirkung entfaltet – für unsere Mitglieder, für Fraunhofer und den Innovationsstandort Deutschland. Auch persönlich profitiere ich von dieser starken Gemeinschaft: Man hat eine gemeinsame Basis, und der Austausch ist stets bereichernd.
Welche Rolle spielen Alumni für Fraunhofer – und was bringen sie den Instituten ganz konkret?
Alumni eröffnen wertvolle Zugänge zu Märkten, da viele von ihnen heute Verantwortung in Unternehmen, Behörden oder Forschungseinrichtungen tragen – genau dort, wo Bedarfe entstehen, und Partnerschaften wachsen. Sie kennen sowohl die Logik der Anwendung als auch die Tiefe der Forschung. Damit sind Alumni ein wirkmächtiger Pfeiler des »Transfers über Köpfe«, also des persönlichen Austauschs von Wissen und Perspektiven von der Wissenschaft in die Wirtschaft.
Mit der Alumni Community verfügen wir über ein Netzwerk, das Impulse aus der Praxis wieder in die Forschung zurückspiegelt. Gleichzeitig erhalten wir von ihnen ein besonders ehrliches und fundiertes Feedback: Niemand weiß besser, wie Fraunhofer von außen wahrgenommen wird, als diejenigen, die beide Seiten kennen.
Nicht zuletzt sind Alumni wichtige Wegbereiter für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Sie geben Orientierung, öffnen Türen und zeigen, wie vielfältig Karrierewege nach der Forschung aussehen können. Kurz gesagt: Alumni sind für uns Multiplikatoren, Impulsgeber und Partner – ein Potenzial, das wir noch bewusster nutzen sollten.
Welche Rolle spielt Fraunhofer für den Mittelstand?
Deutschland lebt von innovativen Großkonzernen und von einem starken, vielfach eigentümergeführten Mittelstand. Gerade diese Unternehmen – darunter viele Hidden Champions – benötigen verlässlichen Zugang zu Forschung und Entwicklung, um international wettbewerbsfähig bleiben zu können.
Genau hier liegt der Kern unserer Mission: Wir unterstützen Unternehmen, die Innovationsbedarf haben, die Entwicklungsrisiken aber nicht allein tragen können. Diese Partnerschaft, dieses gemeinsame Lösen konkreter Probleme, ist unser Markenkern.
Ich möchte Fraunhofer wieder stärker an diese Wurzeln heranführen. Alumni sind oft die Menschen, die in Unternehmen erkennen, wann Fragestellungen zur Fraunhofer-Gesellschaft passen könnten. Wenn wir diese Expertise, dieses Wissen und diese Zugänge enger mit Fraunhofer vernetzen, entsteht enormer Transfernutzen.
Was möchten Sie den Alumni mit Blick auf die kommenden Jahre mitgeben?
Zunächst meinen herzlichen Dank: Viele von Ihnen haben Fraunhofer über Jahre und Jahrzehnte mit aufgebaut. Sie haben geforscht, Verantwortung übernommen und Wirkung ermöglicht – und tragen Fraunhofer auch heute weiter, in Projekten, in Partnerschaften und in Ihrem beruflichen Handeln.
Wer bei Fraunhofer geforscht und gearbeitet hat, kennt die Logik der Wissenschaft und die Anforderungen der Anwendung. Dieses Wissen steht in keinem Lehrbuch. Es liegt in den Menschen, in ihrer Haltung, in ihrem Blick für Machbarkeit und Wirkung. Genau darin liegt der besondere Wert unserer Alumni‑Gemeinschaft: Sie hält diese Verbindung lebendig – für Fraunhofer ebenso wie für jede und jeden Einzelnen.
Meine Einladung ist daher klar: Bringen Sie diese Erfahrung ein, wo immer sich Gelegenheiten für Austausch, Orientierung oder Zusammenarbeit ergeben – und bleiben Sie Teil dieses offenen Dialogs.
Zur Person
Prof. Holger Hanselka gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Wissenschafts- und Innovationslandschaft. Seine Karriere begann an der Technischen Universität Clausthal, wo er die Verbindung von Ingenieurwissenschaften, industrieller Praxis und strategischem Denken verinnerlichte. Weitere prägende Erfahrungen sammelte Holger Hanselka am Deutschen Zentrum für Luft‑ und Raumfahrt (DLR) als Leiter von teilweise internationalen Projekten zu Leichtbau und Faserverbundstoffen. Mit mehreren Unternehmensgründungen vertiefte er sein Verständnis für die Überführung wissenschaftlicher Erkenntnisse in industrielle Anwendungen. Anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Adaptronik an der Otto‑von‑Guericke‑Universität Magdeburg und leitete dort die Arbeitsgruppe Experimentelle Mechanik. Daran schließt sich eine Tätigkeit an der Technischen Universität Darmstadt an. Dort leitete er das Fachgebiet Systemzuverlässigkeit und Maschinenakustik und hatte von 2011 bis 2013 das Amt des Vizepräsidenten inne.
Ab 2001 leitete er das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF in Darmstadt. Hier baute er die enge Zusammenarbeit von Forschung und Industrie aus und trieb die Entwicklung von Lösungen voran, die schnell und nachhaltig Wirkung entfalten.
Hanselka wechselte im Jahr 2013 an das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), das er als Präsident fast ein Jahrzehnt lang prägte und zurück in die Liga der Exzellenzuniversitäten führte. Seit 2023 steht Hanselka an der Spitze der Fraunhofer Gesellschaft und treibt dort die Profilierung der Fraunhofer Gesellschaft im ausdifferenzierten Wissenschaftssystem sowie die Themen Technologietransfer, Innovationskraft und internationale Wettbewerbsfähigkeit mit großer Klarheit und Energie voran. Neben zahlreichen weiteren Funktionen ist Holger Hanselka Mitglied des Strategiekreises für Technologie und Innovation des Bundeskanzlers. Zudem ist er Vorsitzender des Vorstands des Fraunhofer-Alumni e. V.