Frau Leibrock, vor einigen Jahren haben Sie in einem Gespräch erklärt: »Zukunft ist ein gutes Wort«. Wenn Sie diesen Satz heute hören – nach geopolitischen Verschiebungen, Unsicherheiten und technologischen Umbrüchen – wie fühlt sich das an?
Ich erinnere mich gut an unser Gespräch, das ist jetzt schon fast sieben Jahre her. Der Satz war und ist richtig. Aber ich habe das damals schon differenzierter gesehen. Wir können uns nicht zurücklehnen und hoffen, dass schon alles gut ausgeht. Wenn wir in Deutschland und Europa nicht zum Industriemuseum der Welt werden wollen, müssen wir unsere Zukunft aktiv gestalten – und zwar entschlossener als früher.
Was hat sich an Ihrem Blick auf die Zukunft verändert?
Ich gehöre gewiss nicht zu denen, die angesichts all der Herausforderungen sagen: Der Zug ist abgefahren, wir können uns wieder hinlegen. Im Gegenteil: Wir sind immer noch in vielen Bereichen führend. Warum konzentrieren wir uns nicht auf diese Stärken und bauen sie aus? Jammern bringt nichts.
Brauchen wir in Europa eine klarere Vision?
Wenn wir wollen, dass Zukunft ein gutes Wort bleibt, müssen wir vor allem unsere Werte verteidigen: Demokratie, Freiheit, Gewaltenteilung, Minderheitenrechte. Es reicht nicht aus, dass wir, wie man so schön sagt, »ins Tun kommen«. Vielmehr müssen wir jetzt richtig Gas geben. Für all das, was wir am »European Way of Life« schätzen, müssen wir bereit sein, uns aktiv einzusetzen. Europa ist alles andere als ein homogener Raum. Wie und wie schnell wir uns in aller Vielfalt »zusammenraufen« und an einem Strang ziehen, wird über unsere Zukunft entscheiden. Es gibt in dem Sinn keine sicheren Rückzugsorte, wie das vielleicht mein Bild vom Museum suggeriert. Ganz im Gegenteil: Kanadas Premier Mark Carney hat es im Januar in Davos treffend formuliert: Wenn wir nicht am Tisch sitzen, dann stehen wir auf der Speisekarte.
Sie gelten weiterhin als Befürworterin der Globalisierung. Warum?
Einer fairen und nachhaltigen Globalisierung. Die lange Phase der Zusammenarbeit hat auf der ganzen Welt signifikante Fortschritte gebracht: in Bildung, Medizin, Lebenserwartung. Sie ermöglichte technologische Entwicklungen und brachte Zugewinne bei Wohlstand und sogar beim Glücksindex. All das wäre ohne den globalen Austausch nicht denkbar gewesen. Es gibt jedoch auch Schattenseiten, die wir bisher nicht gelöst haben, wie etwa den fortschreitenden Klimawandel. Aber glauben wir wirklich, dass wir die globalen Probleme besser in den Griff bekommen, wenn wir von Kooperation zu Konfrontation übergehen? Ich fürchte, es wird gerade ein Erfolgsmodell zurückgedreht.
Sie beschäftigen sich beruflich intensiv mit KI und Daten. Wo stehen wir heute aus Ihrer Sicht?
Viele Unternehmen hatten unrealistische Erwartungen. Sie glaubten, ein paar Use Cases würden alles lösen. Nach wie vor muss man aber die eigenen Prozesse vollständig verstehen. Die wertvollsten Daten liegen häufig in organisatorischen Silos, die durch GenAI allein gar nicht zugänglich und interpretierbar sind. Ohne saubere Integration aller strukturierten und unstrukturierten Daten, entlang der Prozesse, zusammen mit dem spezifischen Kontext, bleiben die Use Cases isoliert – und erfüllen die hochgesteckten Erwartungen nicht.
Ein Thema, das Sie immer wieder ansprechen, ist Neurosymbolic AI. Was versteht man darunter?
Erst die Kombination aus subsymbolischer, probabilistischer KI, die auf neuronalen Netzen beruht – dazu gehören auch die heutigen Transformer-Modelle – mit symbolischer, d.h. stärker regelbasierter KI und Semantik ermöglicht logisches Schlussfolgern, sog. Reasoning. Wir müssen nicht alles menschliche Expertenwissen wie etwa die Naturgesetze durch Reverse Engineering aus den Daten rekonstruieren, die wir die letzten 40 Jahre ins Internet gestellt haben. Wir können dieses Wissen einfach anwenden. Interessanterweise kommen dabei Konzepte zum Einsatz, die wir seit den 1950er Jahren kennen wie z.B. semantische Graphen und Ontologien. Der Begriff „neurosymbolic“ meint also, neuronale Ansätze mit symbolischen Methoden zu verbinden. Maschinen verstehen nicht wie wir Menschen, aber wir können sie besser »grounden«, indem wir Expertenwissen und Datenschätze zusammenführen. KI braucht Kontext, um zuverlässige Ergebnisse zu liefern.
Was ist für Sie die meistunterschätzte Herausforderung im KI-Kontext?
Wir müssen uns viel mehr Gedanken dazu machen, in welcher Welt wir morgen eigentlich leben wollen und was wir heute dafür tun können. Wie können wir sicherstellen, dass wir unser menschliches Potenzial weiterentwickeln und nutzen, wenn Maschinen immer größere Teile der Wertschöpfung übernehmen? Wie können wir gewährleisten, dass alle Menschen gut leben können und nicht nur einige wenige in extremem Maße davon profitieren? Bei allen großen Erwartungen, die mit KI verbunden sind, sollten wir eines nicht vergessen: die General Intelligence, die gibt es schon – wir sind das Wunder!
Welche Rolle kann die Fraunhofer-Gesellschaft in dieser Gemengelage spielen?
Der Auftrag an Fraunhofer, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu schlagen, ist heute wichtiger denn je. Wir sind in Deutschland in vielen Bereichen Weltspitze – etwa in numerischer Simulation, wie ich aus meiner Kuratoriums-Tätigkeit für das Fraunhofer ITWM weiß. Solche Beispiele gibt es viele aus der Fraunhofer-Welt. Mit dieser Institution haben wir ein Asset, um das uns viele in der Welt beneiden. Dieses Potenzial können wir noch viel mehr ausschöpfen. Insbesondere wünsche ich mir, dass sich Fraunhofer noch stärker in gesellschaftliche Debatten einbringt. Menschen, die wirklich Ahnung haben, sollten gehört werden.
Sie sind seit vielen Jahren Mitglied im Fraunhofer-Alumni e. V. – warum?
Netzwerke – formal oder informell – und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind enorm wichtig, um Ziele zu erreichen. Viele Alumni arbeiten heute in Spitzenpositionen in der Industrie. So ist der Alumni e. V. ein wirklich starkes Netzwerk, das Wissenschaft und Wirtschaft umspannt. Ich schöpfe daraus viel Inspiration, und es macht mir große Freude, Teil dieser lebendigen Community zu sein.
Wo sehen Sie ungehobene Potenziale?
In der Sichtbarkeit – und im gesellschaftlichen Dialog. Der Alumni e. V. kann Räume schaffen, in denen wir verantwortungsvoll über Technologien und ihre Folgen sprechen. Das passt hervorragend in die Zeit.
Was haben Sie aus Ihrer Fraunhofer-Zeit für Ihre spätere Laufbahn mitgenommen?
Ganz klar: Interdisziplinarität und Neugier über den eigenen Tellerrand hinaus. Am Fraunhofer Institut für Atmosphärische Umweltforschung (IFU) in Garmisch-Partenkirchen erlebte ich als Doktorandin und Post-Doc ein Ökosystem aus Expertinnen und Experten für Physik, Chemie, Biologie und Ingenieurswissenschaften. Man denkt offener, erkennt Muster und wird kreativer. Diese Perspektivenvielfalt begleitet mich bis heute. Im Beratungskontext sagen wir nicht umsonst »Best Team to the Client«. An die Stelle von Universalgelehrten sind heute interdisziplinäre Teams getreten, die aus verschiedenen Perspektiven auf ein Thema schauen. Tatsächlich lernt man in solchen Projekten sehr viel – und lebenslanges Lernen ist ein großes Privileg.
Sie blicken mit Stationen in den USA, als Forscherin aber auch als Beraterin, Unternehmerin und Vorständin auf eine inspirierende Karriere. Was würden Sie jungen Talenten mitgeben?
Tut, was euch wirklich Freude macht und konzentriert euch auf eure Stärken, statt euch an vermeintlichen Schwächen abzuarbeiten. Nur so werdet ihr eines Tages richtig, richtig gut sein in dem, was ihr tut. Karriere ist ohnehin nicht im Detail planbar, sondern braucht Neugier, Offenheit und den Mut, Chancen zu ergreifen. Denn das Glück trifft den Vorbereiteten. Die großen Lebensentscheidungen trifft man am besten mit Kopf und Herz.
Zur Person
Dr. Edeltraud Leibrock ist Physikerin und Managerin mit langjähriger Erfahrung an der Schnittstelle von Technologie, Digitalisierung und Finanzwirtschaft. Nach Stationen in der Forschung, unter anderem beim ehemaligen Fraunhofer-Institut für Atmosphärische Umweltforschung (IFU) in Garmisch-Partenkirchen und als Gastwissenschaftlerin an der National Oceanic and Atmospheric Administration in den USA wechselte sie in die Industrie und wurde Vorstandsmitglied der KfW Bankengruppe. Seit mehreren Jahren ist sie Senior Partnerin und Global Managing Director für Innovation bei Roland Berger, wo sie Unternehmen weltweit zu digitaler Transformation, künstlicher Intelligenz und Datenstrategien berät. Sie ist in mehreren Aufsichtsgremien aktiv. Darüber hinaus engagiert sie sich in wissenschaftlichen Beiräten und Kuratorien, ist Autorin zu Technologie- und Zukunftsthemen und seit vielen Jahren Mitglied und Vorständin im Fraunhofer-Alumni e. V.